Patrick Ness | Siobhan Dowd – Sieben Minuten nach Mitternacht

Autor: NESS, Patrick / SIOBHAN, Dowd // Titel: Sieben Minuten nach Mitternacht // Originaltitel: a monster calls // Verlag: cbj Verlag // Erschienen: 29. August 2011 // ISBN-10: 3570153746 // ISBN-13: 978-3570153741 // Seiten: 216 Seiten // Ausgabe: gebundene Ausgabe // Preis: 16,99 € // Genre: Kinder- und Jugendbuch, Drama, Philosophie

Conor ist gerade einmal dreizehn Jahre alt, als er begreifen muss, dass die vermeintlichen Dämonen, die ihn nachts nicht schlafen lassen, nur dann vergehen, wenn er sich seinen Ängsten stellt – und Conor hat eine verdammt große Angst. Sein Vater hat die Familie verlassen, um mit seiner neuen Frau in den USA glücklich  zu werden. Seine Großmutter kann Conor nicht leiden. Freunde hat er keine – nur Lily. Aber vor Lily zieht er sich zurück, weil sie ihn so tief verletzt hat, dass er ihr nicht verzeihen kann. Und dann ist da noch seine Mutter, die er liebt und die er einfach nicht gehen lassen kann, obwohl ihm keine andere Wahl bleibt.

Eine Geschichte, die das Leben schreibt.

Meine Meinung

Ich kann kaum in Worte fassen, was ich bei der Lektüre von “Sieben Minuten nach Mitternacht” gefühlt habe. Es hat mich zutiefst berührt und es ist lange her, dass ich bei der Lektüre eines Buches so viele Tränen vergossen habe. Selbst, wenn ich es wollte, könnte ich keine “sachliche” Rezension zu diesem Buch schreiben – ich will hier nicht über Figurenkonstellationen reden, nicht über Facettenvielfalt, Erzählperspektive oder Sprache. Nein, das würde diesem Buch nicht gerecht. Stattdessen möchte ich einfach nur meinen Eindruck loswerden – und ein paar von den Gedanken, die mich seitdem ich das Buch aus der Hand gelegt habe, bewegen.

Obwohl es sich um ein Kinder- und Jugendbuch handelt (Zielgruppe 12-15 Jahre), trifft die Handlung sicherlich auch bei vielen Erwachsenen einen schmerzenden Punkt: Wie nur gehen wir damit um, wenn wir wissen, dass wir einen geliebten Menschen verlieren werden? Und wie gehen wir damit um, dass wir uns wünschen, sein – und damit auch unser – Leiden möge endlich ein Ende haben? Zwei so widersprüchliche Gefühle und eine so große Angst.
“Sieben Minuten nach Mitternacht” zeigt einen Weg auf, wie man mit einem solchen Gefühl umgehen kann: Man ist kein schlechter Mensch, kein Monster, weil man denkt, dass der Tod eine Erlösung sein kann. Und man lässt einen geliebten Menschen nicht im Stich, wenn man sich mit dieser grauenhaften Frage, mit dem “Was ist, wenn…?” und mit dem “Wann?” und mit dem “Wird es überhaupt…?” auseinandersetzt.
Conor, dessen Mutter an Krebs erkrankt ist, muss diesen Umgang erst lernen. Ein schmerzvoller Prozess, der ihn viel Kraft kostet. Begleitet wird er dabei von einem “Monster”, das ihm Geschichten erzählt, um ihm zu zeigen, dass jedes Ding zwei Seiten hat und dass man nicht vor sich selbst weglaufen kann. Egal, wie viel man auf seinem Weg zerstört – Dinge, Menschen, Freundschaften – letztendlich wird man sich dem Unausweichlichen stellen müssen, denn all die Wut und Zerstörung ist letztlich nur ein Herauszögern und der Versuch einer Flucht.

Das Buch ist wundervoll illustriert (zumindest in der Jugendausgabe – ich weiß nicht, ob dies in der Ausgabe für Erwachsene auch der Fall ist). Jedes Bild drückt so unglaublich viel aus: dunkel, verstörend und tieftraurig wirken die Illustrationen und zuletzt schwingt ein wenig Hoffnung mit. Damit treffen die Bilder den Inhalt der geschriebenen Worte so perfekt, dass die Verbindung aus Bild und Wort wirklich richtig unter die Haut geht.

Unter die Haut geht auch die Entstehungsgeschichte des Buches. Von Siobhan Dowd stammten sowohl die Figuren, der Anfang und auch ein Exposé – doch sie sollte dieses Buch nie vollenden dürfen. Nach ihrem Tod hat sich Patrick Ness der Geschichte angenommen und “Unruhe gestiftet”, indem er sie niedergeschrieben hat.

Fazit

Ein wundervolles Buch über den Tod und das Leben – ein wundervolles Buch über Liebe, Angst und Selbstzweifel. “Sieben Minuten nach Mitternacht” stellt die Frage nach dem Umgang mit dem Unausweichlichen und hinterlässt neben einer gewissen Unruhe auch eine kleine Hoffnung – der versöhnliche Schluss, der all den vielen Eindrücken folgt, ist traurig und tröstlich zugleich.

Ich bin mit meinen Gedanken besonders bei zwei Menschen – bei Heike, die den Kampf gegen den Krebs in diesem Frühjahr verloren hat, nachdem sie zum Schluss so sehr leiden musste. Es tut weh, dass du gegangen bist – aber für dich war es eine Erlösung.
Und ganz besonders denke ich Alexander, der viel, viel zu früh von uns gehen musste. Ich kann dich bis heute nicht loslassen. Dein Bild steht noch immer auf meinem Schreibtisch und noch immer denke ich an dich – und das ist auch gut so.

3 Gedanken zu “Patrick Ness | Siobhan Dowd – Sieben Minuten nach Mitternacht

  1. Kloß im Hals trifft es ziemlich gut. Den hatte ich schon, als ich das Vorwort gelesen habe – weil mir gar nicht klar war, dass die eigentliche Autorin vor Vollendung des Buches gestorben ist. Das ist irgendwie ein echt komisches Gefühl o_o”

  2. Liebe Therry

    Hab das Buch vor ca. 2 Stunden fertig gelesen. Ich konnte zuerst vor lauter Weinen nichts mehr sehen. Ich habe so was von geheult… Danke vielmals für das wunderschöne Buch! Das Buch berührt, ohne aufdringlich oder gar kitschig zu sein. “Conor hielt seine Mutter ganz fest. Und so konnte er sie endlich loslassen.”

    Liebe Grüsse und bis Dienstag!
    Evie

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