Über Kinderbücher, Sprache und Alltagsrassismus

Ein Aufschrei geht durch die Bloggerwelt,  aktuell auf den Tisch gebracht von Jan Fleischhauer und wild diskutiert von Autoren, von Bücherwürmern und vermutlich auch von Leuten, die seit ihrer Kindheit kein Buch mehr gelesen haben (aber in dieser Diskussion die Chance wittern, sich zu profilieren und zu sagen “ist doch alles nicht so schlimm (…)”)

Der Stein des Anstoßes ist u.a. die Entscheidung des Thienemann-Verlages, Otfried Preußlers “Die kleine Hexe” an heutige sprachliche Gepflogenheiten anzupassen. Die einen finden diese Änderung völlig korrekt und werfen den Gegnern Alltagsrassimus vor – diese schießen zurück und sprechen von einer übertriebenen political correctness, wenn das Wort “Neger” (ich hätte nie gedacht, dass ich das in meinem Leben überhaupt einmal schreiben würde) ersetzt wird.

Als Studentin der Sprach- und Literaturwissenschaft, geht diese Diskussion nicht an mir vorbei – aber ich kann nunmal nicht verhehlen, dass ich das Problem (unfreiwillig?) auch aus einer historischen Perspektive betrachte. Ich kann eben auch nicht aus meiner Haut.

Ich bin selbst jemand, der sich sehr, sehr schnell aufregt, wenn bestimmte Begrifflich-keiten unvorsichtig gebraucht werden (meine Freunde können ein Lied davon singen).

Ich finde es gut und völlig richtig, Wörter wie das Wort mit “N” aus (Kinder-)Büchern zu streichen. Was ich nicht in Ordnung finde ist, einem Autor wie Otfried Preußler Rassismus zu unterstellen, weil er in einem Buch, das 1957 zum ersten Mal erschien, das Wort mit “N” benutzte. Der Rassismus-Vorwurf ist schnell heraus und der Zeitgeist bleibt gerne unberücksichtigt. Im Jahr 2013 sollte das “N”-Wort (wie auch viele andere) nicht genutzt werden, ebenso wenig wie manche andere Wörter – 1957 sah man das vielleicht noch anders. Es ist völlig berechtigt, heute darauf hinzuweisen, dass solche Begriffe nicht mehr genutzt werden sollten.
Dennoch würde mir wünschen, dass in Diskussionen um bestimmte Wörter in Kinderbüchern nicht nur berücksichtigt wird, wie Sprache heute “zu sein hat”, sondern auch, welchen Normen oder eben Nicht-Normen sie vielleicht vor 10, 20, 50 oder 80 Jahren unterworfen war. Jede Sprache hat eine Geschichte. Das heißt nicht, dass man sie nicht den heutigen Gepflogenheiten anpassen darf (und ggf. sogar sollte oder muss!), sondern das heißt, dass es mitunter auch sinnvoll sein kann, erst einmal zu gucken, in welchem (sprach-)historischen Kontext ein Buch steht, bevor man laut Rassismus-Vorwürfe gegen einen Autor äußert.

Hier gibt es übrigens die Stellungnahme des Verlags nachzulesen.

Demzufolge sind die Veränderungen a) behutsam vorgenommen, b) von Otfried Preußler selbst abgesegnet und c) nicht inhaltlicher, sondern wirklich nur sprachlicher Natur. Weshalb sich da einige Leute so echauffieren müssen, kann ich nicht verstehen. Das Buch ist doch kein anderes, weil ein paar Wörter ersetzt und angepasst werden (oder ggf. ein paar Sätze).
Es geht hier ja nicht darum, Goethes Faust umzuschreiben und zu modernisieren, sondern um vorsichtige Veränderungen am Text eines Kinderbuches. Warum also betrachten es so viele als schwerwiegenden Eingriff, das “N”-Wort zu streichen?
Andernfalls weiß ich nicht, ob es richtig ist, den Gegnern dieser Veränderungen gleich einen Alltagsrassismus zu unterstellen. Manchmal ist es eben auch schwer, etwas, das man als Kind liebgewonnen hat, verändert zu sehen und seien die Veränderungen auch noch so sinnvoll; die Arielle-Neusynchronisation hat ja auch für Aufruhr in den Reihen der deutschsprachigen Disney-Fans gesorgt.

Viel wichtiger als die Anpassungen, die von Verlagen vorgenommen werden, finde ich das, was Eltern ihren Kindern letztendlich vermitteln. Es ist wichtig, Kindern zu erklären, dass man ein Wort, das früher benutzt wurde und das ihre Großeltern vielleicht heute (aus Unwissenheit, Ignoranz oder Gewohnheit) noch immer benutzen, kritisch betrachtet werden muss und nicht mehr genutzt werden sollte – und vor allen Dingen, warum man solche Wörter nicht nutzen sollte; denn davon, dass gewisse Wörter aus Kinderbüchern gestrichen werden, werden sie nicht verschwinden. Geschriebene und gesprochene Sprache sind noch immer zwei paar Schuhe.

Ich habe als Kind sowohl Otfried Preußler als auch Astrid Lindgren mit Begeisterung gelesen – und aus mir ist dennoch keine Rassistin geworden. Ich habe Mark Twain gelesen und “Die kleine Hexe Paprika” von Dagmar Ruh und bin trotzdem niemand, der solche Wörter benutzen würde. Manchmal muss man Kindern auch etwas zutrauen ;-)

Trotzdem begrüße ich die Entscheidung des Verlages, Kinderbücher (!) insofern anzupassen, dass sie (hoffentlich) keine diskriminierende Sprache mehr enthalten.(Übrigens bin ich sehr erfreut darüber, dass eine historisch-kritische Ausgabe der kleinen Hexe im Gespräch ist :-) ).

Randnotiz: Sophokles – König Ödipus

Wer kennt ihn nicht, den König Ödipus, der seinen eigenen Vater erschlagen und mit der eigenen Mutter Kinder gezeugt hat – natürlich beides in Unkenntnis über die eigenen familiären Verhältnisse? (Und wer den König Ödipus nicht wenigstens vom Hören kennt, der sollte sich an dieser Stelle mal gewaltig schämen!)

Nach Aristoteles (ja, liebe Leute, Aristoteles hat ein Werk geschrieben, das Literatur-wissenschaftler (die Literatur, die Wissenschaftler) noch heute beschäftigt, nämlich die Poetik) hat Sophokles mit dem Ödipus eine perfekte Tragödie geschrieben.

Und nun sitze ich hier und versuche, meine Eindrücke zu fassen und zu verstehen, was am König Ödipus nun so perfekt ist, dass er sogar Grundlage für eine Prüfung in _deutscher_ Literatur ist. Es gibt einige offensichtliche Dinge: Der Aufbau, die Einheit von Handlung/ Zeit/Ort (Stichwort: Dramentheorie), Anaphern und andere rhetorische Figuren, vielleicht auch die Chorgesänge, das “Muster” der Tragödie usw. … Auf inhaltlicher Ebene ist vielleicht noch Ödipus selbst zu nennen, der nicht wissend (= nicht sehend) ist und einen Blinden Seher verspottet; der sich aber später, als er “sehen” kann (wissend ist) selbst blendet, weil er sein Schicksal nicht ertragen kann. Ödipus verkörpert den Mythos eines Unschuldigen, der schuldig wird, weil er nichts von den Umständen weiß – als Spielball der Götter (fatum wäre hier ein hübsches Stichwort).

Aber ist das alles?

Habt ihr den Ödipus gelesen? Was waren eure Eindrücke?

Ich emfpand Ödipus selbst als sehr unangenehm, ja, stellenweise fast als Tyrann. Wie er mit dem blinden Seher Teiresias herumspringt (und ihn verspottet wegen seiner Blindheit), seine Freundschaft zu Kreon aufkündigt oder dem armen Hirten mit Gewalt droht… Auch halte ich ihn für keinesfalls unschuldigt: Er hat Laios ermordet. Wenn ich mich recht erinnere, wurde in antiken Gesellschaften der Vatermord zwar als schlimmer empfunden (und bestraft) als ein “normaler” Mord, aber ein Mord bleibt es, egal, ob es sich dabei um irgendjemanden, oder um den eigenen Vater handelt. Man kann natürlich ein so altes Werk nicht an heutigen ethischen Massstäben messen, aber macht die Tatsache, dass Ödipus nichts über seinen Vater wusste, ihn wirklich zu einem “unschuldig Schuldigen”? … Die Argumentation “unschuldig schuldig” kann ich in Bezug auf Iokaste, Ödipus’ Frau und Mutter nachvollziehen, aber nicht in Bezug auf Laios.

Und was ist überhaupt mit Laios und Iokaste? Sind sie nicht diejenigen, die die Tragödie erst ins Rollen bringen?

Randnotiz: E. T. A. Hoffmann – Der Sandmann

Update: Am 12. April läuft eine Sandmann-Verfilmung (mit Bela B.!) auf ZDF Kultur. Hier geht’s zum Trailer.

“Der Sandmann” von E. T. A. Hoffmann erschien 1816 im Zyklus der “Nachtstücke” und ist der Gattung der Schauerromantik zuzuordnen.

Es geht um den Studenten Nathanael, der, belastet durch ein Kindheitstrauma, an der romantischen Liebe zu seiner Verlobten Clara scheitert und sich, fremdgeleitet, auf Olimpia einlässt, ohne zu ahnen, dass diese kein Mensch, sondern eine künstlich geschaffene Apparatur ist. Er verfällt zusehends dem Wahnsinn…

“Der Sandmann” ist eines meiner liebsten Werke aus der Romantik. Zum einen erinnert die Thematik des künstlich erschaffenen Menschen an Frankenstein (1818), den ich sehr gerne mag, zum anderen entdecke ich bei jeder Lektüre dieses kleinen, schmalen Büchleins (in der Reclam-Ausgabe umfasst der Text 47 Seiten) stets neue Facetten.

Ich mag die Charakterzeichnung Nathanaels, der an sich selbst und anderen, allen voran Clara, scheitern muss und über seine eigene Zerrissenheit und seine Ängste wahnsinnig wird. Ich mag die vielen unheimlichen Momente – den Vater, der alchemistische Experimente ausführt, den “Sandmann” selbst – Coppelius, Olimpia, Spalanzani, Coppola… Ich mag die unheimliche und bedrohliche Stimmung, die sich auf diesen wenigen Seiten entfaltet und die geschickte Täuschung und Verwirrung, die durch Olimpia gestiftet wird. Ich mag die Gesellschaftskritik, die in nur wenigen Sätzen anklingt und dennoch mehr ist, als eine kleine Notiz.

Wer noch kein Werk von E. T. A. Hoffmann gelesen hat, der wagt mit dem “Sandmann” sicherlich einen guten Einstieg – aber vorsicht. Es kann sein, dass einen dieses Buch nicht mehr loslässt!

Der “Sandmann” bietet so unendlich viel Diskussionsstoff. Wurde Nathanael bewusst ausgewählt, war er prädestiniert für die vermeintliche Beziehung zu Olimpia, weil sich hinter Coppola wirklich Coppelius verbirgt und dieser ahnt, wie beeinflussbar Nathanael ist? Wird die Liebesgeschichte bewusst inszeniert, um Olimpia Menschlichkeit zu verleihen – eine Liebesbeziehung als Gradmesser für den Unterschied zwischen Mensch und Maschine – und nicht nur Nathanael zu täuschen, sondern vor allen Dingen die Gesellschaft? Wie verändert sich die Gesellschaft nach Nathanaels “Fall”? Wird Clara am Ende glücklich, oder trügt der Schein? Scheitert Clara an Nathanael, weil sie sich durch ihre Ratschläge zu sehr von ihm distanziert? Ist Nathanaels Hinwendung zur Kunst das Problem? Ist nicht Olimpia ein vollkommenes “Kunstobjekt”, ein künstliches Leben? Scheitert Nathanael nur an Clara, weil er ihre Ansprüche nicht mit seinem Wesen vereinen kann (sie = vernunftgeleitet, er = gefühlsbetont)? Wie wahnsinnig ist Nathanael – und wie wahnsinnig ist die Gesellschaft, wie entrückt, wenn sie einen künstlichen Menschen in ihrer Mitte erst als solchen erkennt, wenn etwas vorgefallen ist?

Fazit: E. T. A. Hoffmann ist einer der Schriftsteller, die ich am Liebsten lese. Ich kann mich voll und ganz in seinen Werken verlieren, stundenlang über das, was er schreibt nachdenken und der “Sandmann”, ja… “Der Sandmann” ist meiner Meinung nach eines der besten “Nachtstücke”, die er je geschrieben hat.

Kennt ihr E. T. A. Hoffmann? Habt ihr schonmal was von ihm gelesen? Wie hat es euch gefallen ? : D

Randnotiz: Effi Briest von Theodor Fontane

Effi (von) Briest ist ein junges, naives Mädchen, das von ihren Eltern an den gut situierten, fast zwanzig Jahre älteren Geert von Innstetten verheiratet wird. Schon der Fortzug aus dem Elternhaus macht ihr zu schaffen, doch als dann auch noch ein Spuk im Anwesen Instettens umherzugehen scheint und Effi eine Aussprache mit ihrem Mann immer mehr fürchtet, flüchtet sie sich in eine Affäre…

Gedanken zu >Effi Briest<

Effi Briest. Zum ersten Mal habe ich das Buch im Deutsch-Grundkurs gelesen und fand es wirklich mehr als grauenhaft. Ich fand Effi einfach so abgrundtief dämlich, dass ich beim besten Willen kein Mitleid mit ihr empfinden konnte. Auch der “Schreibstil” ging mir gehörig auf die Nerven (langatmig, langatmig, langatmig…).
Bei meiner erneuten Lektüre fand ich Effi nicht mehr so schrecklich, sondern vor allen Dingen langweilig. Fontanes Sprache hat mich bisweilen erheitert (was bei der ersten Lektüre nicht der Fall war) und ich denke, ich habe gerade an Effi einige Facetten entdeckt, die mir vor ein paar Jahren verborgen blieben, ebenso an Geert.

Effi Briest ist ein – für die deutsche Literatur – wichtiger Roman, ebnete er doch als Werk des Realismus u.a. den Weg für den Gesellschaftsroman -  trotzdem wird er weiterhin auf meiner “Blacklist” stehen: Ich kann Effi selbst schon einfach nicht leiden… Trotzdem stehe ich nicht mehr ganz so auf Kriegsfuß mit “Fiffi” (liebe Grüsse an dich, Papa <3).

Immerhin sind diesmal zwei Fragen offen geblieben: Was ist los mit Frau Kruse? Und was soll dieses schwarze Huhn? …

Mag irgendjemand von euch Effi Briest?