Thomas Weber: Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Adolf Hitler im Weltkrieg.

Autor: Thomas Weber // Titel: Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg – Mythos und Wahrheit. // Originaltitel: Hitler’s First War // Verlag: List Verlag // Erschienen: 10. August 2012 (Taschenbuchausgabe)  // ISBN-10: 3548611109 // ISBN-13978-3548611105 //  Seiten: 608 Seiten // Ausgabe: Taschenbuchausgabe // Preis: 12,99 € / 21,90 CHF // Genre: Fachliteratur (Geschichte)

Lange Zeit war die Geschichtsforschung sich zumindest in einem Punkt mit der NS-Propaganda einig: Die Nazischergen verbreiteten – ebenso wie Adolf Hitler selbst – die Lehre, der “Führer” des “Dritten Reiches” sei vom Ersten Weltkrieg “geschaffen” worden. Selbst Größen in der Hitler-Forschung, z.B. Ian Kershaw oder Joachim Fest, zweifeln nicht an, dass der Erste Weltkrieg wohl entscheidend zur Radikalisierung Hitlers beigetragen hat – Beweise gibt es dafür freilich nicht, was vor allen Dingen in der dürftigen Quellenlage begründet ist: Ein paar Briefe und Postkarten, die Hitler in den Jahren 1914-1918 geschrieben hat, sind uns (vor allen Dingen zufällig) erhalten geblieben. Es gibt aber Beweise, die eindeutig zeigen, wie sehr Hitler und seine Anhänger daran interessiert waren, die Rolle Hitlers im Ersten Weltkrieg zu verklären und so zur Mythen- und Legendenbildung rund um den “Führer” beizutragen.

Wie schon zahlreiche Historiker vor ihm, räumt Thomas Weber mit diesen Mythen auf – viele Lügen der Nationalsozialisten in Bezug auf Hitlers Dienste im Ersten Weltkrieg können anhand der historischen Faktenlage widerlegt werden. Weber geht jedoch noch einen Schritt weiter, als viele Historiker vor ihm und setzt sich intensiv damit auseinander, inwiefern es glaubwürdig ist, dass Hitler bereits im Ersten Weltkrieg ein radikaler Antisemit gewesen sein soll (wie er selbst behauptete) und inwiefern der Erste Weltkrieg dazu beigetragen habe, dass Hitler eine “Laufbahn” als “Politiker” einschlug. Durch die Untersuchung der Geschichte des List-Regiments, in welchem Adolf Hitler diente, ist es ihm gelungen, ein überzeugendes Bild jener Soldaten zu zeichnen, das insbesondere zwei Aspekte deutlich macht: 1) Im List-Regiment herrschte kein ausgeprägter Antisemitismus. 2) Es ist wahrscheinlich, dass Hitlers Radikalisierung erst durch die Niederlage und in der unmittelbaren Nachkriegszeit erfolgte, nicht aber während des Ersten Weltkrieges. Beides sind Eindrücke, die sich schon alleine aufgrund der erhaltenen Briefe und Postkarten Hitlers “aufdrängen”, aber erst im Vergleich mit den Briefen und Zeugnissen anderer Soldaten des Lists-Regiments Kontur gewinnen.

Adolf Hitler wurde zweifellos vom Ersten Weltkrieg geprägt, doch er scheint nicht vom Ersten Weltkrieg “erschaffen” worden zu sein, wie er selbst behauptete.

Endgültig werden wir, die wir Adolf Hitler nicht im Ersten Weltkrieg kannten und erlebten, wohl nie mit Sicherheit entscheiden können, ob er bereits in jungen Jahren Juden verachtete und sich bereits damals abzeichnete, wohin er Deutschland einmal “führen” würde – Thomas Weber hat jedoch ein Buch geschrieben, das davon überzeugt, dass beides eher unwahrscheinlich gewesen sein dürfte…

In Bezug auf Hitler selbst offenbart “Hitlers erster Krieg” wenig Neues (wobei ich anmerken muss, dass ich z.B. nicht wusste, dass Hitler in Pasewalk u.a. in der psychiatrischen Abteilung wegen “Psychopathie mit hysterischen Symptomen” behandelt wurde), sehr interessant und überzeugend ist aber die Auseinandersetzung mit den Angehörigen des List-Regiments, die dazu beiträgt, die Kriegsjahre, deren Quellenbasis – Hitler betreffend – derart dürftig ist, weiter zu erhellen.

Max Lüthi – Märchen (Sammlung Metzler)

Autor: LÜTHI, Max // Titel: Märchen // Originaltitel: – // Verlag: Metzler Verlag // Erschienen: 10., aktualisierte Auflage. (16. April 2004) // ISBN-10: 3476200167 // ISBN-13: 978-3476200167 // Seiten: 136 Seiten // Ausgabe: Taschenbuch // Preis: 14,95 € // Genre: Fachbuch

1962 erschien dieses kleine Werk zum ersten Mal – und ist seitdem zu einer Art “Standardwerk” der Märchenforschung avanciert, denn hier findet der Leser nicht nur einen groben Überblick über Gattung, Motivik, Entstehung und Forschungsrichtungen, sondern noch dazu umfangreiche Literaturhinweise, die z.T. auch kommentiert sind.
Lüthi trennte in seiner Einführung das Märchen scharf von Sage, Legende, Mythos, Fabel und Schwank ab (natürlich in aller Kürze – aber dafür mit ausreichenden Literaturhinweisen, um das Thema vertiefen zu können), gab anschließend einen Überblick über die Typen des Märchens (ein sehr wertvoller Hinweis, wenn man mit Märchen arbeiten möchte), arbeitete anschließend idealtypische Züge der europäischen Volksmärchen heraus, betrachtete auch außereuropäische Märchen und schloss den “eigentlichen” Teil mit einer kurzen möglichen Entstehungsgeschichte des Märchens ab.
Die restlichen Kapitel widmete er der Forschung: Die Geschichte der Märchenforschung selbst wurde von ihm ebenso thematisiert wie Märchenbiologie und -soziologie, psychologische und pädagogische Betrachtungsweisen.
Trotz des geringen Umfangs ist die Anschaffung wirklich lohnenswert, weil das Buch, gemessen an den wenigen Seiten, nahezu unheimlich viele Informationen enthält.

Max Lüthi, geboren 1909 in Bern (gestorben 1991 in Zürich), studierte unter anderem Geschichte und Germanistik. Von 1968-1979 lehrte er an der Universität Zürich am Lehrstuhl für europäische Volksliteratur. 1988 wurde er mit dem europäischen Märchenpreis ausgezeichnet.


Robert O. Paxton – Die Anatomie des Faschismus

Autor: PAXTON, Robert O. //  Titel: Die Anatomie des Faschismus // Originaltitel: the anatomy of Fascism // Verlag: Deutsche Verlagsanstalt // Erschienen: 7. Februar 2006 // ISBN-10: 3421059136 // ISBN-13: 978-3421059130 // Seiten: 448 // Einband: gebundene Ausgabe // Preis: 24,90€ // Genre: Fachbuch/Sachbuch

erneut gelesen im April 2011

Was ist Faschismus? Wie entsteht er? Gibt es in heutiger Zeit noch Faschismus in Europa? Dies sind Fragen, denen Robert O. Paxton in “Die Anatomie des Faschismus” nachgeht. Angenehm und gut lesbar sind seine Ausführungen, packend und interessant, obwohl man das, was in den ersten Kapiteln entfaltet wird, ja nur zu genüge kennt: den Faschismus in Italien und Deutschland.
Paxton beschränkt sich jedoch nicht darauf zu sagen, dass beide Länder einen Faschismus besaßen, sondern untersucht die Unterschiede zwischen den Regimes Mussolinis/Hitlers genauer und zeigt insbesondere die Unterschiede auf. Trotzdem bietet das Buch so gesehen nichts neues.
Was ich persönlich für wirklich wichtig halte, ist der letzte Teil des Buches, denn hier zeigt Paxton auf, wo es überall hakt, wo sich “Faschisten” breitmachen können oder sogar schon eingenistet haben. Er verweist auch sehr deutlich darauf, dass sich der “Faschismus” gewandelt hat, dass er heute anders aussieht als früher – und er nimmt deutlich Stellung zu Bewegungen wie der Front National unter Jean Marie Le Pen, der FPÖ unter Haider oder dem Vlaams Block.
Wäre dieses Buch heute erschienen, hätte Paxton es mit Sicherheit um einige interessante Facetten erweitern können – vielleicht erscheint irgendwann eine überarbeitete Auflage. Ich würde sie mit Sicherheit lesen.
Das Buch vermittelt einen (wenn auch nur oberflächlichen) Einblick in die Mechanismen, mit denen solche Personen arbeiten – und nicht nur einmal habe ich das dringende Bedürfnis verspürt, das Buch einem bestimmten Bekannten um die Ohren zu hauen, bis er den Inhalt zutiefst verinnertlicht hat: Parteien wie die FN schüren Angst und Hass. Sonst gar nichts. Rechtspopulismus ist noch lange kein Faschismus – was nicht bedeutet, dass man deswegen kein Auge auf diese Entwicklungen haben sollte.
Wehret den Anfängen.
Interessant ist auch die kleine Auswahl an Interpretationsmöglichkeiten des Faschismus-Begriffs und -Phänomens. Ein winziger Kritikpunkt bleibt: Die Modellhaftigkeit seiner eigenen Faschismus-Definition reflektiert Paxton nicht. Letztlich ist  aber die Faschismus-Definition, die er hier zum Dreh- und Angelpunkt seiner Theorien macht, nicht so entscheidend; viel wichtiger ist es doch, die Konzepte und Phänomene erkennen zu können.
Die USA führt Paxton zwar auf, als er radikale Bewegungen der heutigen Zeit aufzeigt – er kritisiert sie aber nicht einmal ansatzweise so reflektiert wie bspw. den ehemaligen “Ostblock”. Hier zeigen sich schnell Vorbehalte, die ich persönlich (tlw.) für fragwürdig halte.
Obwohl das Buch insgesamt betrachtet in seinem Hauptteil nur an der Oberfläche kratzt und Altbekanntes neu aufwärmt, sind insbesondere die Schlussbetrachtungen lesenswert und sollten wohl von einigen Leuten gründlich überdacht werden. Alles in allem ein gutes Buch, das jedoch nicht immer zu überzeugen vermag.

Hans-Werner Goetz: Moderne Mediävistik

Autor: GOETZ, Hans-Werner//  Titel: Moderne Mediävistik // Originaltitel: - // Verlag: Wissenschaftliche Buchgesellschaft // Erschienen: 1999 // ISBN-10: 3534141210 // ISBN-13: 978-3534141210 // Seiten: 412 // Einband: gebundene Ausgabe // Preis: ich habe es für fast 70€ erstanden damals – das Buch ist nicht mehr ohne Weiteres zu haben… // Genre: Fachbuch

erneut gelesen im April 2011

Obgleich schon mehr als zehn Jahre alt bietet “Moderne Mediävistik” einen auch heute noch brauchbaren Forschungsüberblick. Er bespricht die Entwicklung der Mediävistik seit den 1970er Jahren und zeigt auf, wo sie 1999 steht. Goetz referiert jedoch nicht nur den Forschungsstand sondern nimmt explizit Bezug auf die Aufgaben, die Mediävisten in der Gesellschaft erfüllen sollten: sie sollen ‘falsche’ Mittelalterbilder korrigieren, Interesse wecken und ihr Fach vor allen Dingen für ein breiteres Publikum öffnen — und für neue Fragestellungen, die aus anderen Fächern kommen wie z.B. aus den Kulturwissenschaften. Ein ganzes Kapitel widmet er auch der Organisation heutiger mediävistischer Forschungsprojekte oder den historischen Hilfswissenschaften die, obwohl sie gerne vernachlässigt werden, gerade Historikern der Alten Geschichte oder der Antike oftmals einen unschätzbaren Dienst erweist. Die “Trends” in der neueren Forschung zeigt er anhand von ausgewählten Beispielen auf, insbes. aus dem Früh- und Hochmittelalter. Immer wieder macht er auch anhand dieser exemplarischen Arbeiten deutlich, welch aktuellen Stellenwert die Mediävistik einnehmen kann und z.T. auch wirklich einnimmt. Er plädiert dafür, dass die mediävistische Forschung internationaler und interdisziplinären werden muss – insbesondere die dt. Mediävistik.

Dies ist ein Buch das von einem Wissenschaftler für Wissenschaftler geschrieben wurde – wer also eine unterhaltsame Lektüre erwartet, sollte besser die Finger von dem Buch lassen. Da ich mich nach Abschluss meines Grundstudiums in Geschichte auf die Mediävistik spezialisieren will, bin ich sehr froh “Moderne Mediävistik” gelesen zu haben, da es einen wirklich guten Rundumblick über die Forschungsthemen-, die Schwerpunkte, die Möglichkeiten und Trends der mediävistischen Forschung gibt. Auch wenn die Lektüre ab und zu ein Kampf war habe ich es mehr als einmal gelesen und bereue es nicht. Manchmal hätte Goetz einfache Sachverhalte mit Sicherheit auch einfach ausdrücken können – nicht immer ist der Gebrauch von Fremdwörtern und die Nutzung eines umständlichen Stils ein Indikator für Wissenschaftlichkeit… ;-)

Quo vadis, Mediaevista?

Andreas Kappeler – Russland als Vielvölkerreich. Entstehung. Geschichte. Zerfall.

Autor: KAPPELER, Andreas//  Titel: Russland als Vielvölkerreich. Entstehung. Geschichte. Zerfall. // Originaltitel: - // Verlag: C.h. Beck // Erschienen: 2. überarbeitete Auflage, 17. September 2008 // ISBN-10: 9783406577390 // ISBN-13: 978-3406577390 // Seiten: 416 // Einband: Taschenbuch // Preis: 16.95 € // Genre: Fachbuch

erneut gelesen im April 2011

In “Russland als Vielvölkerreich” unternimmt Andreas Kappeler den Versuch, eine Geschichte Russlands vom Mittelalter bis zum Zerfall der UdSSR zu schreiben, die das russische Reich in seiner ethnischen Vielfalt in den Mittelpunkt stellt und sich nicht allein auf russische Nationalgeschichte beschränkt.

Er beginnt mit einem kurzen Abriss über die osteuropäische Welt im Mittelalter, durch die ein Nachfolgendes “Sammeln der Länder der goldenen Horde” vom 16.-18. Jahrhundert überhaupt erst verständlich wird. Die Länder der goldenen Horde waren die Regionen, die einst zum Mongolenreich gehörten – nicht nur “Russland” versuchte nach dessen Zerfall, die Gebiete unter seine Herrschaft zu stellen. Man blieb jedoch nicht nur auf die östlichen Gebiete beschränkt, sondern versuchte auch, sich Gebiete im Westen einzuverleiben, beispielsweise Finnland, Estland und Lettland, aber auch Kalifornien gegenüber war man im Russischen Reich nicht abgeneigt. Kappeler legt hierbei den Fokus weniger auf historische Ereignisse, sondern zeigt vielmehr auf, in welcher Art und Weise sich das Russische Reich Länder und Ethnien einverleibte und in der Nachfolgezeit mit ihnen umging. Dabei schwankte die Politik überwiegend zwischen Diskriminierung, Repression und Segregation – aber auch Toleranz. “Zuckerbrot und Peitsche” war über Jahrhunderte das traditionelle politische Modell.
Die Schicksale der Völker machen trotz wissenschaftlicher Objektivität betroffen und insbesondere die vier Teilungen Polens, Pogrome gegen Juden oder auch die Sanktionen gegen die linksufrige Ukraine. Im 19. Jh. expandierte das Russische Reich nach Asien.
Das vormoderne Vielvölkerreich Russland war ein Schmelztigel der unterschiedlichsten Ethnien, welche die Besetzung durch die Russen vielleicht zunächst als Befreiung, auf lange Sicht jedoch als Gewaltakt empfanden. Es formierten sich nationale Bewegungen , von denen die meisten jedoch in einer “Phase A”, der Herausbildung einer eigenen Literatur, Sprache, Kultur etc., verhaftet blieben.
Nach der Revolution 1905 war der nationale Gedanke jedoch nicht mehr aufzuhalten und spätestens nach 1917 erhoben sich die verschiedenen Ethnien und forderten Unabhängigkeit von Russland — erfolglos.
Unter Stalin begann ein schließlich ein in der osteuropäischen Geschichte beispielloser Terror.
Erst in den 1980er Jahren, als die Unabhängigkeits- und Nationalbewegungen wieder erstarkten, läutete Michail Gorbatschow mit der Politik von Glasnost und Perestrojka eine Wende ein, die zum Zerfall der UdSSR führte…

Besonders positiv hervorzuheben ist die Verständlichkeit des Textes, die bei wissenschaftlichen Publikationen leider nicht immer vorausgesetzt werden kann. Der Balanceakt zwischen einer “umfassenden” Geschichte der russischen Vielvölkerreichs und den vielen Dingen, die Kappeler auslassen musste, ist ihm gelungen: Ich habe jedenfalls von der Lektüre dieses Buches enorm viel mitnehmen können und habe auch nach dieser zweiten Lektüre noch immer neue Aspekte entdeckt.
“Russland als Vielvölkerreich” ist ein wichtiges Buch für Personen wie mich, die sich bisher fast ausschließlich mit einer westeuropäischen Geschichte beschäftigt haben – es eröffnet neue Perspektiven und das Wissen um osteuropäische Geschichte verändert auch den Blick auf Westeuropa.
Ich würde es jedem, der sich auch nur ein bisschen für osteuropäische Geschichte interessiert, uneingeschränkt empfehlen :)

Walter Burkert – Die Griechen und der Orient

Autor: BURKERT, Walter // Titel: Die Griechen und der Orient // Originaltitel: – // Verlag: Verlag C.H. Beck // Erschienen: Auflage: 3., durchgesehene Auflage (4. August 2009) // ISBN-10: 3406502474 // ISBN-13: 978-3406502477 // Seiten: 176 // Einband: gebundene Ausgabe // Preis: 19,90 € // Genre: Fachbuch (das sich aber auch an Laien richtet)

gelesen im Februar/März 2011

(Zu Beginn eine kleine Anmerkung: ich habe dieses Buch für meine Schreibübung rezensiert und das hier ist der erste Entwurf (es handelt sich wirklich um eine Rohfassung, wer also Rechtschreib- oder Logikfehler findet, darf mich darauf hinweisen oder sie behalten ;-D); vermutlich ist sie ziemlich schlecht – ich werde die Rezension also die Tage sowieso noch bearbeiten… für meinen Blog sollte sie aber allemal gut genug sein und am Ende werde ich kurz noch ein paar persönliche Eindrücke anfügen, die in der Rezension für die Uni nichts verloren haben!)

Rezension

Walter Burkert schließt mit seinem Buch Die Griechen und der Orient an die aktuelle Forschung an, die sich zunehmend aus interkulturellen Perspektiven  heraus mit dem klassischen Griechenland beschäftigt.

Burkerts Monographie grenzt sich durch die Fokussierung auf den interkulturellen Kontext der griechischen Kultur deutlich von älteren Werken ab, welche die Errungenschaften des klassischen Griechenlands häufig isoliert betrachten oder sich auf Griechenlands politische Geschichte beschränken. Das Buch hebt sich insbesondere dadurch ab, dass nicht nur archäologischen Zeugnisse wie Tempeln  oder Vasen, sondern vor allen Dingen literarischen und religiös-geistlichen Einwirkungen nachgegangen wird.

Er beginnt mit einer Einführung in der er begründet, weshalb Griechenland nicht isoliert betrachtet werden kann. Er zeigt zahlreiche Kontaktmöglichkeiten zwischen den Griechen und dem Orient auf und gibt den Hinweis, dass trotz Beeinflussung und Übernahme in Kunst, Literatur und Kultur doch stets etwas Neues entstanden ist.

An seine Einführung knüpft er mit einer Analyse der griechischen Schriftkultur an. Er hebt die Bedeutung des Schriftsystems hervor, welches die Griechen um 800 v. Chr. zunächst übernahmen, im Anschluss jedoch weiterentwickelten. Sie ergänzten die Konsonantenschrift um Vokale und reduzierten die Anzahl der Zeichen. So erschufen sie eine gut erlernbare Schrift, die schnell von den griechischen Nachbarn übernommen wurde.

Burkert verweist sowohl auf eigene Forschungsansätze als auch auf archäologische Quellen. Missverständlich ist die Passage, in der er sich den Wörtern alpu, betu und gamlu (S. 24) widmet. Er verweist lediglich durch eine Fußnote, deren Auflösung in einem Anhang knapp 100 Seiten später erfolgt, darauf, dass die Bedeutung des Wortes gamlu umstritten ist (S. 139). Bei einer ersten Lektüre kann dies leicht übersehen und die Übersetzung von gamlu mit Kamel als Tatsache verstanden werden.

Im nachfolgenden Kapitel widmet Burkert sich den Bezügen Homers zur orientalischen Literatur und weiß aufgrund der vielen belegten Entsprechungen durchaus zu überzeugen. So wird eine Beeinflussung Homers durch orientalische Texte sowohl inhaltlich als auch sprachlich deutlich. Für einen Leser, der mit den Epen Homers nicht eng vertraut ist, stellt dieses Kapitel jedoch eine Herausforderung dar, da es durch die vielen Götternamen und die wenigen Absätze nicht leicht zu erschließen ist.

Im dritten Abschnitt untersucht Burkert die Wurzeln der griechischen Philosophie und kommt auch hier zu dem überzeugenden Ergebnis, dass es Verbindungen zum Orient gegeben haben muss. Auch diesmal arbeitet er mit Quellenmaterial und belegt seine Aussagen durch orientalische Textpassagen, verwendet aber auch mehr Absätze, welche die Übersicht erleichtern. Trotz aller Parallelen zwischen Griechenland und dem Orient verweist er hier dennoch ausdrücklich darauf, dass der Stellenwert der griechischen Philosophie nicht zu unterschätzen ist.

Im vorletzten Kapitel geht er besonders auf die Beziehungen zwischen Griechenland und Ägypten ein und fokussiert die Jenseitsvorstellungen eines Mysterienkultes. Er stellt Verbindungen zwischen Osiris, Dyonisus und Orpheus her und gelangt zu dem Schluss, dass zwischen den drei Figuren ein Zusammenhang besteht, bzw. dass die griechischen Figuren eindeutig durch die ägyptische Mythologie geprägt sind. Seine Argumentation ist hierbei jedoch nicht so eindrücklich nachzuvollziehen wie in den Kapiteln über Homer und die Philosophie; hat er in den vorangegangenen Kapiteln literarische Quellen aufgearbeitet bleibt er dieses Mal hauptsächlich auf Knochenplättchen und die Beschreibung bildlicher Darstellungen beschränkt, was das Verständnis des Kapitels erschwert. Auch belässt Burkert es nicht bei ägyptischen Einflüssen, sondern weist weiter auf iranische Einflüsse hin ohne allerdings die Bezüge zwischen ägyptischer, iranischer und griechischer Mythologie zu erläutern.

Burkert schließt mit einer Analyse des Verhältnisses zwischen Persern, Iranern und Griechen, bei der er vom Priestertitel Megabyxos (Persisch) und dem Wort mágos (Iranisch) ausgeht. Gemessen an der Dichte der Belege in den vorherigen Kapiteln erscheint hier der Bezug durch nur zwei Wörter wenig überzeugend – ein Umstand, der möglicherweise auf die dürftige Quellenlage zurückzuführen ist.

Insgesamt betrachtet ist die Darstellung der Forschungsergebnisse in Form eines Fließtextes nicht immer übersichtlich und deswegen insbesondere für Laien, an die sich Burkert ebenso wie an Historiker richtet, stellenweise nicht eindeutig nachzuvollziehen. Insbesondere im letzten Kapitel wären Abbildungen der Vasenbilder, auf die Burkert sich bezieht, wünschenswert gewesen und hätten das Verständnis vereinfachen können.

Beeindruckend ist hingegen die Dichte der Informationen und Bezüge, die einen vielschichtigen Blick auf die kulturelle Entwicklung Griechenlands ermöglichen, der in vielen Darstellungen zur griechischen Antike zu kurz kommt.

Im Gegensatz zum ‘Studienbuch der Antike’ Gehrkes (?), das alleine aufgrund seines Umfangs eine “Qual” war (über 600 Seiten geballtes Fachwissen… = sehr, sehr, sehr viel Information, um so ein Buch einfach mal durchzuarbeiten) und auch im Gegensatz zur ‘Römischen Sozialgeschichte’ von Alföldy war ‘Die Griechen und der Orient’ eine angenehme Lektüre;
angenehm deshalb, weil es hier ausnahmsweise mal nicht um “Ereignisgeschichte” ging, sondern viel mehr um Kulturgeschichte und der strenge Blick auf die klassische Antike etwas revidiert wurde – Burkert zeigt hier einfach, dass die genialen Werke der Griechen eben nicht einfach so entstanden, sondern ebenfalls geniale Wurzeln hatten und das ist definitiv interessant…
Das riesige Manko an diesem Buch ist allerdings die Darstellung. Waren die ersten zwei Kapitel noch gut lesbar, gab es nachfolgend so viele Zitate, so viele verwirrende Götternamen, und und und und, dass ich am Ende der Lektüre einfach nur verwirrt war, bzw. bin! Ich fürchte, ich weiß nicht einmal mehr die Hälfte von dem, was in diesem Buch drin stand… Und ich hoffe, ich muss es für die Prüfungsvorbereitung nicht noch einmal lesen :X …

Also, die ganzen Menschen, die schon viel länger Geschichte studieren als ich und viel mehr Ahnung von der Antike haben (die ja auch nicht gerade mein Steckenpferd ist) finden Burkerts Buch sicherlich nicht ohne Grund absolut genial; mir fehlen vermutlich einfach die vielen kulturellen Bezüge zur griechischen und zur orientalischen Kultur. Ich habe zwar Homer gelesen, ich kenne mich ein bisschen mit der griechischen Mythenwelt und Kultur aus – aber das hat für mich nicht ausgereicht, um das Buch wirklich von Grund auf verstehen zu können.
Schade :(

(Übrigens war das mein letztes von 10 Büchern für meine Literaturprüfung in Geschichte – und mein zweites Fach/Sachbuch für die “Der Geschichte auf der Spur” Challenge für die Station “Antike”…)

Michael Mitterauer – Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs

Autor: MITTERAUER, Michael // Titel: Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs // Originaltitel: – // Verlag: C. H. Beck // Erschienen: 16. April 2009 // ISBN-10: 3406508936 // ISBN-13: 978-3406508936 // Seiten: 349 // Einband: Taschenbuch // Preis: 16.90 € // Genre: Fachbuch Geschichtswissenschaft, Mediävistik

erneute Lektüre im Februar 2011

Inhalt

Michael Mitterauer geht in seinem Buch “Warum Europa?” der Frage nach, welche Verkettung von Umständen im Mittelalter zur Ausbildung spezifisch europäischer Phänomene geführt haben (könnten). Dabei zeichnet er einen Weg von der Agrarrevolution des Frühen Mittelalters über Papstkirche und Kreuzzüge bis hin zum Buchdruck. Europa wird nicht isoliert betrachtet, sondern immer wieder in Bezug zu China und dem islamischen Kulturraum gesetzt, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufzuzeigen.

Meine Meinung

Michael Mitterauer hat ein Buch vorgelegt, das die Schwäche vieler Publikationen in der Mediävistik aufweist: zu viel Information wird zu umständlich formuliert und deswegen das Verständnis wirklich erschwert.
Ich habe das Buch nun zum zweiten Mal durchgearbeitet (Literaturprüfung in Geschichte im Mai!) und die Lektüre fiel mir trotzdem noch schwer, weil der Text über weite Passagen einfach einen Tick zu dicht formuliert ist. Ein Laie wird Mitterauer mit Sicherheit noch besser verstehen als bspw. “Moderne Mediävistik” von Hans-Werner Goetz, trotzdem ist “Warum Europa?” kein Fachbuch, das man regelrecht verschlingen kann, weil es besonders anregend und eingänglich geschrieben ist.
Der rote Faden ist schnell verloren und lässt sich schwierig wiederfinden.
Störend ist auch die permanenten Glorifizierung Europas.

Tipp: Wer das Buch gerne lesen würde und nicht so viel Ahnung vom (europäischen) Mittelalter hat, sei an dieser Stelle empfohlen, ein Nachschlagewerk (oder notfalls das Internet) bereitzuhalten, sonst könnte das Verständnis zusätzlich extrem erschwert werden.

Fazit: Aufgrund des Stoffs insgesamt und der interessanten (neu) herausgearbeiteten Zusammenhänge ist das Buch für Mittelalterinteressierte empfehlenswert. Als Fachbuch ist es nicht unbedingt einfach zu lesen. Irgendwie scheint das aber auch eine Eigenart deutscher/österreichischer/schweizer Historiker zu sein – die Engländer können das viel besser ;)

Und weil ich an ein Fachbuch nicht die gleichen Anforderungen stellen kann, wie an ein Buch, das mich unterhalten soll, verzichte ich auf eine Bewertung mit Sternen.

Dieter Kartschoke: Geschichte der deutschen Literatur im frühen Mittelalter

DTV Verlag,
1990,
398 Seiten

gelesen am 11.01.2011

Dieses nette “kleine” Buch habe ich zur Vorbereitung auf eine kommende Klausur (18.01.! AAAH!!) gelesen, um mein Wissen noch etwas zu vertiefen. Als Fachbuch eignet sich
Kartschokes Text nicht zum entspannten Herunterlesen (*hust*), aber wenn man an früher volkssprachlicher (“deutscher”) Literatur interessiert ist, kann man viele Erkenntnisse gewinnen.
Dies vor allen Dingen deshalb möglich, weil der Autor nicht nur ein theoretisches Konstrukt entfaltet, sondern seine Aussagen anhand von Beispielen belegt, die er gründlich erläutert,
so zum Beispiel anhand der Kaiserchronik (hier insbesondere die Episoden über Faustinian und die Crescentia-Geschichte), des Ezzoliedes, des Annoliedes, des Hildebrandsliedes,
Otfrieds Evangelienbuch, den “Übersetzungen” des Mönchs Notker… usw.
Ein kleiner Lichtblick in meiner Prüfungsvorbereitung, der mir wirklich Lust darauf gemacht hat, mich noch einmal und noch einmal und noooch einmal mit der Materie auseinanderzusetzen :) !
Schön ist auch die Einbettung in den historischen Kontext und in den literaturgeschichtlichen Kontext allgemein.