Autor: CROSS, Donna W. // Titel: Die Päpstin // Originaltitel: Pope Joan // Verlag: Rütten und Loening Verlag // Erschienen: 2. Auflage, 24. September 2009 // ISBN-10: 3352007756 // ISBN-13: 978-3352007750 // Seiten: 585 // Einband: gebundene Ausgabe // Preis: 9.99 € // Genre: Krimi
gelesen für die Challenge “der Geschichte auf der Spur” am 18. und 19. Oktober 2010 – Station: frühes Mittelalter
Ein paar Worte zur Besänftigung…
Es geht mir nicht darum, jemandem dieses Buch zu vermiesen – mit Sicherheit hat es nicht umsonst so viele Fans auf dieser Welt. Natürlich kann ich mich, was die historischen Fakten betrifft, auch irren – denn ich habe keine große Lust und auch nicht die Zeit, für jede meiner Aussage einen Quellenbeleg zu suchen (schließlich schreibe ich ja auch kein Buch über “die Päpstin”); generell gebe ich hier meinen Eindruck wieder und ich denke, ich habe mich lange Zeit und wirklich intensiv mit dem Thema beschäftigt, und habe zumindest ein bisschen Ahnung, irgendwie. Die Kritik, die ich hier also an der
historischen Dimension anbringe, kann getrost überlesen werden. Es liegt auch nicht in meinem Interesse, einen historischen Roman zu zerpflücken – denn schließlich geht es in den seltensten Fällen um historische “Wirklichkeit” (was sowieso Blödsinn ist), sondern um Unterhaltung. Mich hat es beim Lesen trotzdem gestört – aber vielleicht ist das auch eine schlechte “Historiker”-Angewohnheit?
Letztendlich waren die historischen Elemente, mögen sie nun falsch oder richtig sein, nicht die Grundlage für meine Bewertung, sondern die Handlung selbst und die Ausarbeitung der Figuren.
Nun aber zum Buch…
Johanna wächst als junges Mädchen unter einem Vater auf, für den sie weniger wert ist, als ein Stück Dreck. Trotzdem geht sie mutig ihren Weg, lernt lesen und schreiben, Griechisch und Latein, wird schließlich an einer Klosterschule angenommen
und gelangt, als Mann getarnt, zuletzt in das Amt des Papstes.
Ich habe mich für dieses Buch entschieden, da ich dachte “so viele Leute, die dieses Buch gut finden, können einfach nicht irren.” – Deswegen habe ich mich auch nicht abschrecken lassen, als ich auf dem Klappentext las “Eine Frau, die gegen ihre Zeit
aufbegehrt”, obwohl allein dieser Satz schon eine Vorahnung heraufbeschwor, die ich nun leider bestätigt finde: mit “Geschichte” hat dieses Buch wenig zu tun, auch wenn die
Autorin in einem populärwissenschaftlichen Anhang versucht, die historische “Richtigkeit” ihres Werkes zu verteidigen und nur hier und da ein paar Veränderungen vorgenommen zu haben, die sie selbstverständlich “allumfassend” darlegt.
Um die Legende um Päpstin Johanna als wirklich absolut richtig darzulegen, spekuliert sie und führt z.B. den stella stercoraria ins Feld – all jenen, die interessiert sind, warum
genau dieser “Stuhl” eben kein stichhaltiger “Beweis” für die Legende um die Päpstin ist, sei “Der Leib des Papstes – eine Theologie der Hinfälligkeit” ans Herz gelegt.
Hier ein kleiner Ausflug in Bezug auf die Historie… :
Ich habe zwar noch keinen Doktortitel und stecke noch in meinem Grundstudium der Geschichtswissenschaft, aber ich bilde mir ein, mich schon so lange und intensiv
mit dem Mittelalter von wissenschaftlicher Seite aus beschäftigt zu haben, um einiges ( ! ) was in diesem Buch steht und als “historische Wirklichkeit” verteidigt wird, in Frage zu stellen. (Anscheinend ist die Autorin sich nicht einmal dem Umstand bewusst, dass aufgrund des eigenartig chaotischen Systems, mit dem in vielen ( ! ) Klöstern Unterlagen geordnet wurden, so unendlich viel Quellenmaterial verloren ging (z.B. durch Hochwasser) und so auch einfach viele Dinge überliefert sind, die eigentlich nicht unbedingt “überlieferungswert” erscheinen und andere wiederherum unwiederruflich verloren gegangen sind… Das hat noch lange nichts damit zu tun, dass die Kirche versuchte, irgendetwas auszuradieren ; ) … Das ist einfach ein Umstand, den man immer im Hinterkopf behalten sollte, gerade, wenn man mit frühmittelalterlichen Quellen arbeitet (was sie ja nicht mal getan hat… sie bezieht sich ja auf deutlich spätere Schriften)).
Mal davon abgesehen, dass _kein_ Mensch ein authentisches Mittelalterbild (re-)konstruieren kann. …
Beim Lesen habe ich mich ernsthaft gefragt, ob die gute Frau nicht einfach mal ins Blaue hineingeschrieben und dann irgendwelche wahren historischen Gegebenheiten eingeflochten hat – oder ob sie einfach schlecht recherchiert hat (gut, ich
hab’s jetzt auch nicht – ich schreibe aber auch keinen Mittelalterroman).
Damit beziehe ich mich jetzt gar nicht auf die Legenden um die Päpstin Johanna selbst, die man glauben mag (es aber auch sein lassen kann), sondern auf Dinge, die mich beim
Lesen wirklich furchtbar gestört haben…
Ich möchte dafür kurz zwei Stellen im Buch anführen, bei denen es sich zwar nur um Kleinigkeiten handelt – aber in einem guten Buch wird eben auch auf Detailswert gelegt, meiner Meinung nach…
Nehmen wir mal die Sache mit der griechischen Sprache. Aeskulapius, ein griechischer Gelehrter, der selbst ( ! ) an einer lateinisch-christlichen ( ! ) Schule unterrichtet
(was irgendwie nicht zu dem “Weltbild” passt, das Cross konstruiert) und auch dafür sorgt, dass Johanna später an dieser Schule aufgenommen wird, hinterlässt ihr als
Abschiedsgeschenk ein Buch: seine Abschrift der Illias von Homer in griechischer Sprache und seine lateinische Übersetzung. Ihr Vater, ein Dorfpriester, ist mehr als nur erzürnt, dass Johanna in diesem Buch liest, denn 1) sind für ihn die Griechen selbst Heiden (wodurch er irgendwie den “Beschluss” der Geistlichen an der Schule in Frage
stellt – was irgendwie nicht zu ihm passt) und vor allen Dingen 2) betitelt er die griechische Sprache als heidnisch/ketzerisch etc. etc. etc. … Fakt ist aber: Durch die Inschrift “Jesu Christi, der König der Juden”, die sowohl in Hebräisch, als auch in Lateinisch _und_ in griechisch verfasst wurde ( ! ), waren von Beginn des Christentums an genau dieses drei “kanonischen” Sprachen legitimiert. Das Griechische als heidnisch in Frage zu stellen: das wäre “Ketzerei” gewesen.
Als zweites Beispiel möchte ich ebenfalls einen kleinen Schnitzer nehmen, der relativ am Anfang des Buches steht: die “Hexenprobe” an der Hebamme Hrotrud. Fakt ist: a) es gab _keine_ Hexenverfolgungswellen im karolingischen frühen Mittelalter und b) wurde dies sogar von Karl dem Großen ausdrücklich so bestätigt! … Zwar einige Jahre vorher – aber vmtl. immernoch gültig. Wieso sollte ein so kleiner Dorfpriester sich so etwas
widersetzen? Auch, dass Hexenverfolgungen zu dieser Zeit praktisch nicht statt fanden, hat die Autorin mit keinem Wort erwähnt. Das Karolingerreich wurde erst nach 840 geteilt – es ist also anzunehmen, dass die das Ganze immernoch in die
Zeitspanne fällt…
Sorgfältig recherchiert?
Das sind Dinge, die mich persönlich einfach sehr gestört haben – das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich mich eben mit viel Fachliteratur zum Thema beschäftigt
habe etc. — deswegen möchte ich diese Kritik nicht in meine abschließende Bewertung einbeziehen, denn es ist unmöglich, etwas zu schreiben, das “historisch authentisch” ist und eigentlich sollte einem auch klar sein, dass man keinen Blick auf “wahre Geschichte”
erhält, wenn man einen mehr oder weniger fiktiven historischen Roman liest.
Deswegen nun zur eigentlichen Kritik:
Die Schwarz-Weiß Malerei des Buches hat mich wirklich furchtbar gestört. Beginnen wir auch hier mit der Darstellung der Geschichte – diesmal ohne das Ganze an Fakten festzumachen:
Natürlich war die Frau im Mittelalter ihrem Manne Untertan. Natürlich hatten Frauen im frühen Mittelalter _nie_ etwas zu melden. Natürlich waren Frauen Gegenstände und keine Lebewesen.
Natürlich wollten die Franken sich nicht waschen – nein, nein, das könnte schädlich sein (ich meine mich zu erinnern, in einer _wissenschaftlichen_ Publikation genau das Gegenteil gelesen zu haben – dass nämlich im frühen Mittelalter die Körperhygiene noch recht ausgeprägt war…) …
Natürlich waren die Zeiten düster und finster und schrecklich (man konnte ja jederzeit von den Normannen überfallen werden und jeder, der nicht irgendwie adlig war oder ein hoher Kleriker, lebte in furchtbarer Armut — wobei der Aspekt ausgeklammert wird, dass Armut auch nicht zwangsläufig vor “blauem Blut” halt machte) …
Aber nicht nur die “Epoche frühes Mittelalter” wird äußerst plakativ ins Feld geführt (es gibt übrigens einen tollen wissenschaftlichen Aufsatz über Mittelalter und Antike in Literatur und Film – und die gängigen “Mittelalterklischées” werden auch in diesem Buch leider wieder und wieder bestätigt) – die Figurengestaltung ist ebenso eindimensional und flach, wie die Sicht der Autorin auf diese eigentlich äußert vielfältige Zeit. Und das ist mein wirklich großer Kritikpunkt an diesem Buch:
Es ist meines Erachtens nach einseitig und plakativ – zu eindimensional für meinen Geschmack.
Die Guten sind durch und durch rein und gut – nehmen wir als Beispiel Gerold. Gerold sieht “blendend” gut aus, wie die Autorin sich ausdrückt, hat nebenher noch ein
Herz aus Gold, ist ein tapferer Krieger, hält der Frau, die er liebt _ewige_ Treue bis in den Tod und stirbt als Held… Das klingt platt?
Gehen wir weiter zu Matthias. Ein zehnjähriger Junge, der doch so offensichtlich (glaubt man der Autorin) in einem Umfeld aufwächst, in dem Frauen für dumm und
verachtenswert hält und unter so einem brutalen und dominanten Vater… der nimmt die Gefahr auf sich, seiner kleinen, neugierigen und aufgeweckten Schwester Lesen und Schreiben beizubringen? Natürlich. Denn er ist ja durch und durch gut. Und natürlich stirbt der arme Kerl denn auch tragisch an Krankheit.
Johannas Mutter Gudrun, eine herzensgute Frau – doch, oh Schreck, sie ist eine Heidin. Natürlich verdammt Johannas Vater, der Priester, sie noch im Tod und schiebt alles, was überhaupt passiert ist, auf den heidnischen Glauben. Welchen Grund sollte ein Missionar wie _er_ gehabt haben, eine Heidin zur Frau zu nehmen? Er selbst
war ja nie davon überzeugt, sie missioniert zu haben? Aber egal, Johannas Mutter stirbt, nachdem sie ihr ganzes Leben unter Johannas Vater gelitten hat – und sie war immer durch und durch gut, sie war hübsch und warmherzig und hat versucht, ihren Kindern das Leben so angenehm wie möglich zu machen – einen Schnitzer erlaubt sie sich, als sie lügt; aber doch nur, weil sie das Beste für Johanna will.
Aber wenn wir schon von Johannas Vater reden, sind wir gleich bei der anderen Seite der Medaille angelangt. Er scheint ein hässlicher Kerl zu sein – und da entspricht es ja nur seinem Naturell, ein brutaler Schläger zu sein, der keines seiner Kinder wirklich liebt, einen absoluten Ego-Trip fährt und seine Tochter selbst nach langen Jahren und obwohl er seine ganze Familie verloren hat, beinahe dem Schicksal überantwortet hätte, für
ihre “Lügen” zu sterben. Durch Verrat.
Und Verräter gibt es einige. Die intrigante, eifersüchtige Ehefrau Gerolds. Die Gegenspieler in Rom. … Aber sie alle sind schlicht und einfach irgendwie Böse. Sie haben
nichts Gutes an sich. Kein Fünkchen.
So weiß und rein, wie die weißen Lämmer sind, so abgrundtief schwarz sind die Seelen der Bösen – oder so…
Am meisten hat mich jedoch Johanna gestört. Während ihr Bruder Johannes (der seiner Schwester nämlich “verzeiht” – und ups, dann natürlich auch gleich als Held stirbt) und damit eine charakterliche “Wandlung” vollzogen hat – wenn auch sehr inkonsequent – bleiben die restlichen Figuren ausnahmslos stereotyp und starr. Insbesondere Johanna.
Johanna kann von klein auf lesen und schreiben. Sie ist noch nicht einmal zehn Jahre alt, spricht schon fließend Griechisch und Latein und setzt sich schon überaus intelligent mit philosophischen Lehren und theologischen Fragestellungen auseinander. An der Schule wird sie der absolute Überflieger, ebenso im Kloster, wo man nur über ihre Fähigkeiten staunt. Natürlich geht ihr auch die Medizin leicht vom Flügel, so macht sie ja
sogar noch neue Entdeckungen. Mutig ist sie natürlich auch. Schon als Kind stellt sie
sich gegen den Vater und überall, wo Ungerechtigkeit herrscht, versucht sie, eine Lösung zu finden – denn sie ist ja so gut! Und sie kommt natürlich auch immer
mit allem durch! : ) Nur ihre Schwangerschaft enttarnt sie als Frau – aber da hat sie Glück, denn sie stirbt, noch während sie ihre Fehlgeburt erleidet.
Johanna macht einfach _null_ Entwicklung durch. Sie ist von Anfang an “unfehlbar” und alles, was ihr schmerzliches wiederfährt, ist immer auf die Ungerechtigkeit oder das Unvermögen anderer zurückzuführen.
Und wo Johannas tolle, charakterliche Stärke nicht ausreicht, da kommt eben Väterchen Zufall zur Hilfe. Der Vater stirbt wie gerufen ausgerechnet in dem Moment, in dem er sie verpfeifen will. Sie erwischt Johannes, weil dieser mit dem Boten ausgerechnet überfallen wurde und sich ängstlich verkrochen hat. … Natürlich rettet sie als sie an der “Pest” erkrankt (wo doch sonst alle dran sterben im Buch, huch) kein geringerer als Arn, dessen
Mutter sie “das Leben gerettet” hat, sozusagen. Und Arn würde sie natürlich nie verraten.
Natürlich tritt die kleine Arnalda in Johannas Fussstapfen, verkleidet sich ebenfalls als Mann und bemüht sich, die “Tilgung Johannas” aus den Büchern (denn die Kirche
wollte ja alles unbedingt verschleiern!), rückgängig zu machen.
Es gibt exakt drei Gründe, weshalb ich das Buch _nicht_vorzeitig aus der Hand gelegt habe.
1) Ich habe die ganze Zeit gehofft, dass sich die sonderbaren Zufälle nicht noch mehr häufen und habe versucht, die Dinge, die mich aus historischer Sicht gestört haben,
auszublenden.
Positiv… : )
2) Trotz allem ist das Buch gut geschrieben. Die Sprache ist schnörkellos und eingänglich. wenn auch nicht überragend. Mit besserer Recherche und einem etwas … naja, nicht ganz so abgehobenen Plot (und damit meine ich nicht mal, dass Johanna dann
Päpstin geworden ist, sondern die vielen kleinen Zufälle, die wenigen Verdachts-momente, die “Unfehlbarkeit” Johannas etc. pp.) hätte mir das Buch vermutlich sogar
ganz gut gefallen.
3) Das Buch hat zwar auch Längen, ist aber doch weitestgehend unterhaltsam zu lesen.
Dennoch… Es ist mir etwas schleierhaft, wie dieses Buch ein solcher Welterfolg werden konnte (und jetzt nicht einmal wegen den fragwürdigen historischen Aussagen -
vielmehr wegen den Figuren selbst) – und es ist mir ein Rätsel, wie man, als das Buch herauskam, wirklich davon schrieb, es wäre ein neues Zeitalter des historischen Romans angebrochen – unter einem bahnbrechenden Buch stelle ich mir etwas anderes vor. Aber vielleicht ist diese Aussage ja auch eher dahingehend zu verstehen, dass das Buch
einen Boom an schlechter bis guter Trivialliteratur zum Thema “Geschichte” ausgelöst hat – ähnlich wie Twiligt einen Hype um Vampire entfacht hat.
Ich vergebe aufgrund der guten Lesbarkeit und dem eindeutigen Unterhaltungsfaktor 1,5 von 5 Sternen und bringe dieses Buch mit dem guten Gewissen zurück in die Bibliothek, es niemals wieder zu lesen.
Getaggt habe ich das Buch sowohl unter “Historischer Roman”, denn als solcher gibt er sich selbst aus – aber auch unter “Fantasy”, denn da gehört er meiner
Meinung nach eher hin.




