Autor: Iny Lorentz // Titel: Die Wanderhure // Originaltitel: – // Verlag: Knaur // Erschienen: 1. April 2005 // ISBN -10: 3426629348 // ISBN-13: 978-3426629345 // Seiten: 607 Seiten // Ausgabe: Taschenbuch // Preis: 9,95 € / 16,90 CHF // Genre: Drama, historischer Roman
Die junge Bürgerstochter Marie wird Opfer einer Intrige und muss ihren Lebensunterhalt fortan als Wanderhure bestreiten, da sie des Landes verwiesen wird. Ihr Schicksal erträgt sie einzig und alleine, weil sie den Gedanken daran, sich eines Tages an ihren Peinigern rächen zu können, nicht aufgibt – und weil ihre treue Gefährtin Hiltrud ihr nicht von der Seite weicht…
Meine Meinung
Als ich auf der Rückseite des Buches die nachfolgenden Wort las, wurde mir bereits Angst und Bange – dennoch wollte ich es mit “Der Wanderhure” versuchen, legen mir doch schon seit Jahren Freunde und Bekannte nahe, es einmal mit einem Buch vom Autorengespann “Iny Lorentz” zu versuchen:
“Die grausame Welt des Mittelalters und der Kampf einer Frau um ihr persönliches Glück”
- so wird das Buch also vom Verlag beworben. Mir rollten sich bereits bei diesem Satz die Zehennägel auf, verhieß er doch die Aussicht darauf, einmal mehr mit Figuren konfrontiert zu werden, die “für ihre Zeit” in besonderem Maße “aufgeklärt”, “rebellisch”, “stark”, “intelligent” o.ä. sind. Zumindest in dieser Hinsicht hielt das Buch, was der Klappentext versprach (und hat damit vermutlich auch vollkommen den Nerv der angestrebten Klientel getroffen).
Marie, die Hauptfigur, ist nicht nur auffallend hübsch (“madonnenhaft”) – so, dass (fast) jeder Mann sie sexuell anziehend findet – sondern darüber hinaus auch sehr intelligent, sehr rebellisch (riskiert sie doch vor mächtigen Personen ein loses Mundwerk) und auch sehr stark, denn sie erträgt die Widrigkeiten ihres Lebens, immer von dem Wunsch beseelt, sich eines Tages an ihren Peinigern zu rächen. Vor allen Dingen aber ist sie sehr modern und aufgeklärt und bereits hier offenbart sich eine – für mich – frappante Schwäche des Romans: Die Autoren haben eine neuzeitliche Figur geschaffen und diese in ein – ihrer Meinung nach – mittelalterliches Setting eingebaut.
Das Duo zeichnet ein Mittelalterbild (“die grausame Welt des Mittelalters”), welches ich als unpassend und unangebracht empfinde. Das Buch scheint nicht besonders gut recherchiert zu sein, was an sich nicht so schlimm ist – doch passen die Figuren, ihre Handlungen etc. meiner Meinung nach keinesfalls in ein “grausames Mittelalter”.
Intrigen gab und gibt es zu jeder Zeit – nicht nur im Mittelalter. Nicht jeder Söldner war ein Vergewaltiger. Nicht jede Frau wurde zwangsläufig ein Vergewaltigungsopfer, nur, weil sie sich einen Meter vor die Stadtmauern wagte. Nicht hinter (nahezu) jedem der männlichen Geschöpfe, welche auf dieser Erde wandeln, verbergen sich gierige, wüste Lüstlinge, die sich das, was sie wollen, notfalls mit Gewalt nehmen – dies gilt für heute ebenso wie für die Zeit um 1400.
Der Roman von Iny Lorentz verkommt zu einem Sumpf aus Vergewaltigung, derben Scherzen und Intrigen und zeichnet ein Abziehbild des Mittelalters, wie es sich viele Menschen wohl vorstellen: Es gibt viel Dreck, Vergewaltigungen und andere Grausamkeiten sind an ebenso an der Tagesordnung (ohne entsprechend geahndet zu werden) wie Hurerei, Trinkgelage und Intrigen. Für mich ist das kein besonders “authentisches” Bild des Mittelalters, sondern ein Bild, das Klischees ebenso bedient, wie das Verlangen, eine möglichst dramatische Geschichte erzählt zu bekommen.
Es ist jedoch nicht einzig und allein diese teils falsche Vorstellung des Mittelalters, die mich stört. Es handelt sich ja schließlich um einen Roman und in einem Roman ist (fast) alles erlaubt – da das Paar Lorentz jedoch immer wieder als “die” Autoren für deutsche historische Romane angepriesen werden, hat mich dieses platte Mittelalter- und Menschenbild doch schon sehr verwundert und auch enttäuscht.
Ebenfalls enttäuscht haben mich die meisten Figuren: Marie habe ich ja bereits beschrieben, muss aber noch hinzufügen, dass zumindest sie mir recht sympathisch war. Ebenso Hiltrud, die zwar keine nennenswerte Entwicklung durchmacht, aber einfach eine sehr liebevoll gezeichnete Figur ist. Aber was ist mit dem Rest? Michel wäre sicherlich interessant gewesen, hätte man bloß mehr über ihn erfahren. Aus Ruppert hätte man eindeutig mehr machen können: Ein Fiesling wird doch viel interessanter, wenn er auch noch ganz andere Seiten hat… Berta hätte für viel größere Reibereien sorgen können.
Die Figuren bleiben größtenteils starr, vorhersehbar und entwickeln sich kaum; darüber hinaus sind viele von ihnen sehr schwarz-weiß gezeichnet: die “guten” Figuren sind meist in irgendeiner Art und Weise reinlich und hübsch, die “schlechten” hingegen oft hässlich und/oder ungepflegt. Noch dazu wirken sie alle sehr anachronistisch.
Die Handlung war immerhin nicht ganz so vorhersehbar, wie ich befürchtet habe (auch, wenn das Ende von Anfang an klar war). Ab und an handelten vor allem Nebenfiguren etwas anders, als ich es erwartet habe. Die Intrigen waren relativ gut durchdacht und auch ganz interessant, allerdings kam für meinen Geschmack doch etwas oft Meister Zufall zur Hilfe. Hin und wieder gab es Passagen, die mir als unnötig erschienen (Stichwort: Söldner – eigentlich hatte diese ganze Szenerie ja keine Auswirkung auf die Handlung). Darüber hinaus lässt das Buch stellenweise (historische) Plausibilität vermissen: Was ist mit Geschlechtskrankheiten (es wäre ja schön, wenn eine Prostituierte sich durch die Auswahl ihrer Freier und eine gewisse Sauberkeit davor schützen könnte…)? Warum sollte sich ein Kaufmann und angesehener Bürger geehrt fühlen, wenn der Bastard ( ! ) eines Grafen seine Tochter heiraten möchte?
Das Buch ließ sich gut lesen; der Schreibstil war nicht überragend, aber ich habe schon viel, viel schlechter geschriebene Bücher vor mir gehabt (es soll jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass die ein oder andere sprachliche Verfehlung auch in “Die Wanderhure” zu finden ist, so z.B. der Vergleich zwischen Brüsten und saftigen/reifen “Herbstäpfeln”…).
Insgesamt bin ich sehr enttäuscht, weil ich nach den vielen Lobeshymnen, Empfehlungen und auch nach den ersten rund 100 Seiten deutlich mehr erwartet habe.
Fazit
Für mich war die Lektüre von “Die Wanderhure” enttäuschend: Ein klischeehaftes Mittelalterbild, eine merkwürdige Sichtweise auf Männer, eindimensionale Figuren und fehlende Plausibilität konnten für mich nicht durch eine einigermaßen sympathische Protagonistin und eine prinzipiell recht gut durchdachte Intrige aufgewogen werden.
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“Die Wanderhure” ist der Auftakt zu einer Romanreihe. Außerdem erschienen sind bisher:
Die Kastellanin, 2005
Das Vermächtnis der Wanderhure, 2006
Die Tochter der Wanderhure, 2008
Töchter der Sünde, 2011