Scott Smith: Dickicht

Amy, Stacy, Jeff und Eric wollen einen ganz normalen Urlaub verbringen: Sie wollen entspannen, sie wollen ihr Reiseland Mexiko besser kennenlernen – und sie wollen ein Abenteuer erleben. Als sie auf Matthias treffen, dessen Bruder Henrich dem Lockruf einer jungen Archäologin gefolgt und von einem Ausflug in den Dschungel nicht mehr zurückgekommen ist, beschließen sie, Matthias bei seiner Suche nach Henrich zu helfen. Mit von der Partie ist auch ein junger Grieche – von allen nur Pablo genannt – der sich von der ganzen Aktion wohl jede Menge Spaß verspricht.
Sie alle ahnen nicht, was dort im Dschungel auf sie lauert. 

Meine Meinung

Ich habe “Dickicht” für ein paar Franken als Mängelexemplar gekauft. Hätte ich vorher die Rezensionen bei Amazon gelesen, hätte ich das wohl unterlassen, aber zum Glück habe ich das Buch völlig ohne Erwartungen gekauft und auch gelesen. Cover und Beschreibung machten mir einfach direkt Lust auf mehr, die ersten ca. 100 Seiten fand ich aber derart langweilig, dass das Buch lange, lange Zeit nur angelesen in meinem Regal stand.

Diesen Monat habe ich mir dann ein Herz gefasst und dem Buch noch eine zweite Chance gegeben; und ich habe es nicht bereut.

Für die Protagonisten Amy, Jeff, Stacy und Eric beginnt alles als ein ganz “normaler” Party-Urlaub (jede Menge Alkohol, Partys, sexuelle Ausschweifungen…). An keiner Stelle wird angedeutet, was ihnen widerfahren wird – in keinem Moment lässt sich erahnen, dass ihr Ausflug in den Dschungel mehr werden wird, als eine kleine, spannende Tour zu alten Ruinen. Es gibt keine Vorzeichen: Keine mysteriösen Zeitungsberichte, keine eigenartigen Schilder, keine Vorwarnung – und die einzige Warnung, die sie erhalten, verstehen sie aufgrund von Sprachbarrieren nicht.

Als sie die Ausgrabungsstätte erreichen, finden sie verlassene Zelte vor – von Henrich keine Spur… Und bald schon müssen sie feststellen, dass sie die Ausgrabungsstätte nicht ohne weiteres verlassen können…

Ab dem Moment, an dem die Reise zur Ausgrabungsstätte begann, war ich absolut von “Dickicht” gefesselt und konnte das Buch kaum noch aus der Hand legen! Zunächst ist eine Weile unklar, was überhaupt das Problem ist… und als die jungen Leute herausfinden, was vor sich geht, ist der Albtraum noch lange nicht vorüber. Meiner Meinung nach hat Scott hier eine wirklich interessante Idee gehabt und die auch wirklich gut umgesetzt.
Er beschreibt nicht nur, was die sechs Protagonisten bedroht und wie bösartig es dabei vorgeht, es bleiben auch viele, viele Fragen offen (und somit viel Raum für die eigene Fantasie) und nicht zuletzt beschreibt Scott sehr, sehr genau, wie sich die Protagonisten durch den psychischen Druck, der auf ihnen lastet, verändern.
Als besonders schwierig empfand ich Pablo: Durch das, was ihm widerfährt, verschlimmert sich die Situation, in der sich alle befinden, drastisch – vor allen Dingen durch die Sprachbarriere. Wie will man jemandem helfen, jemandem Trost und Mut zusprechen, jemandem Hoffnung schenken, wenn man sich nicht einmal mit Händen und Füßen verständigen kann? Das, was mit dem lebenslustigen Pablo geschieht, verschärft die gesamte Atmosphäre enorm.
Die weiblichen Protagonistinnen habe ich weniger interessant gefunden als die männlichen: Stacy erschien mir als sehr flatterhaft und naiv, Amy vor allen Dingen als enorm rücksichtslos. Eric war einfach sehr interessant dargestellt – vom ganz normalen, netten Typen von nebenan wandelt er sich zu einer tickenden Zeitbombe, völlig gefangen in seiner Hysterie. Ich dachte, dass er jeden Moment entweder sich selbst, oder den anderen etwas antun würde. Jeff war hingegen das krasse Gegenteil: organisiert, aktiv – der Macher… Und Matthias war von Anfang an der Sonderling.

Viele Personen haben kritisiert, dass die Spannung im Buch abfällt, sobald klar ist, was die jungen Leute bedroht. Das empfand ich gar nicht so, eher im Gegenteil: Ich war gespannt, was noch geschehen würde, durch welche boshaften Ideen das Spielchen weiter getrieben werden würde – und ich war gespannt, wie sich die Situation für alle Beteiligten weiter entwickeln würde. Das Ende war lediglich ein konsequenter Höhepunkt, das manch einem nicht geschmeckt haben mag, weil es eben nicht auf “und so lebten sie glücklich und zufrieden bis ans Ende aller Tage” hinauslief…

Ich hätte gerne mehr über die Hintergründe erfahren und wurde lediglich in diesem einen Punkt “enttäuscht”. Letzten Endes wäre das aber auch nur eine nette Zusatzinformation gewesen und nicht mehr, aber diese fehlenden Infos hätten das Buch wohl noch besser abgerundet.

Fazit

Entweder, man mag solche Bücher, oder man findet sie langweilig/eklig/einfallslos o.ä. … Mir hat Dickicht enorm gut gefallen, weil sich die Situation für alle – auf einer psychologischen Ebene – derart zugespitzt hat, dass theoretisch alles hätte passieren können. Die Grundidee war sehr speziell und ziemlich durchdacht, auch wenn über die Hintergründe eigentlich nichts bekannt wurde (dafür gibt’s auch in der Wertung einen kleinen Abzug, denn mit mehr Hintergrundinformationen wäre das Buch sicherlich noch besser gewesen). Vom Anfang einmal abgesehen, fand ich das Buch einfach durch die Bank absolut spannend und beunruhigend. Stilistisch geht Scott häufig sehr ins Detail und auch so etwas muss man mögen: Wenn man einen schwachen Magen hat oder sich sehr an ekelhaften Beschreibungen stößt, der sollte besser die Finger von dem Buch lassen. Für mich war’s ein echter Glücksgriff.

2008 wurde “Dickicht” unter dem Titel “The Ruins” verfilmt. [Trailer] Der Film war auch recht gut gemacht, das Buch hat mir allerdings besser gefallen.

Autor: Scott Smith | Titel:  Dickicht | Originaltitel: The Ruins | Verlag: Fischer Taschenbuch Erscheinungsdatum: August 2007 (4. Auflage) | ISBN-10: 3596176166 | ISBN-13: 978-978-3596176168 | Seitenzahl: 480 Seiten | Ausgabe: Taschenbuch | Preis: 8.95 € / 14.90 CHF | Genre: Abenteuer, Horror, Thriller

Lissa Evans: Stuart Horten – Acht Münzen und eine magische Werkstatt (Stuart Horten #1)

Autorin: Lissa Evans // Titel: Stuart Horten – Acht Münzen und eine magische Werkstatt // Originaltitel: Horten’s Miraculous Mechanisms // Verlag: mixtvision Verlag // Erschienen: 01. September 2012  // ISBN-10: 3939435538 // ISBN-13978-3939435532 //  Seiten: 352 Seiten // Ausgabe: gebundene Ausgabe // Preis: 13,90 € / 21,90 CHF // Genre: Kinderbuch, Abenteuer

Horten hat es nicht leicht: Für sein Alter ist er nicht besonders groß, was er ziemlich blöde findet. Da er aber nette Freunde hat, stellt dieser Umstand kein allzu großes Problem dar. Dann allerdings… Ja, dann wollen seine Eltern mit ihm umziehen, genau zu Beginn der Sommerferien! Stuart kennt am neuen Wohnort niemanden und fürchtet schon, sich in den Ferien unglaublich langweilen zu müssen, doch dann findet er sich ganz unerwartet mitten in einem spannenden Abenteuer wieder, denn sein Großonkel hat ihm eine magische Werkstatt vermacht, die es aufzuspüren gilt…

Meine Meinung

Stuart Horten ist ein pfiffiges Kerlchen. Auch, wenn er es nicht gerade schätzt, so klein geraten zu sein (seine Eltern machen ihm auch keine allzu großen Hoffnungen, dass er irgendwann einmal zu einem Riesen heranwachsen wird!), lässt er sich nicht unterkriegen und behauptet sich standhaft gegen die drei Nachbarsmädchen April, May und June, die – ebenfalls von der Langeweile gepackt – nichts besseres im Sinn haben, als ausgerechnet ihn und seine Familie zu bespitzeln (aus journalistischen Gründen, versteht sich, denn die drei arbeiten an einer eigenen Zeitung!).

Das Buch ist sehr gut konstruiert, so dass sich auf Stuarts “Jagd” nach Hinweisen, die ihn der magischen Werkstatt seines Großonkels näher bringen, keine Logikfehler einschleichen und obwohl es sich um ein Kinderbuch handelt, stößt er hier auf teils unerwartete Hindernisse (Stichwort: Museum!)…

Als besonders gelungen empfand ich die Figuren. Die drei Nachbarsmädchen sind einfach herrlich und absolut authentisch; sie sind penetrant, sie sind nervig und manchmal gemein, aber eigentlich wollen sie in ihren Ferien doch nur etwas erleben… Und überhaupt: Sie sind ja gar nicht so schlimm, wenn man nur genauer hinsieht. Eigentlich sind sie ja richtig nett.
Das Highlight ist und bleibt aber Stuarts Vater! Der gute Mann entwirft (hauptberuflich) Kreuzworträtsel und liebt Sprache über alles. Ich stand tatsächlich ein paar Sekunden auf dem Schlauch, bis ich begriff, was sich hinter “einer neapolitanischen Spezialität mit pilzigen Addenda” verbarg (dabei ist das ja nicht schwierig – nur so unerwartet in einem Kinderbuch). So kommt Stuart Horten (trotz der Zielgruppe – oder vielleicht gerade wegen der Zielgruppe?) sprachlich recht abwechslungsreich daher, was mir sehr gut gefällt.

Insgesamt hätte die Hintergrundgeschichte vielleicht noch etwas tiefergehender sein dürfen (denn sie scheint schön zu sein – witzig, romantisch und tragisch zugleich), aber vielleicht erfährt man ja über Hortens mirakulöse Mechanismen im nächsten Teil von “Stuart Horten” noch etwas mehr.

Fazit

Stuart Horten zeigt gekonnt, dass es nicht auf die Größe ankommt, sondern auf das, was man im Kopf hat – und er zeigt auch, dass nervige Nachbarsmädchen vielleicht nicht ganz so schlimm sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mögen. Sprachlich abwechslungsreich und mit schönen Ideen versehen überzeugt dieses Kinderbuch jedenfalls nicht nur 10-jährige Leser(innen) ;-)

Kim Fupz Aakeson – Radieschen von unten

Autor: Kim Fupz Aakeson // Titel: Radieschen von unten // Verlag: mixtvision // Erschienen: 1. Juni 2012 // ISBN-10: 3939435511 // ISBN-13978-3939435518 // Seiten: 48 // Ausgabe: gebundene Ausgabe // Preis: 13,90 € // Genre: Kinderbuch

Das Leben des Bestatters verläuft stets in den gleichen Bahnen: arbeiten, essen, Fernsehen schauen, schlafen – und niemals bei der Blumenverkäuferin nebenan eine Blume kaufen, denn Blumen sind vergänglich, wozu also sollte man sich um sie kümmern?
Als der Bestatter eine junge Verstorbene herrichtet, die Angst vor dem Tod hat – davor, dass der Sarg geschlossen wird und ihr das wahrhaftige Ende bevorsteht – ahnt er nicht, dass diese Begegnung ihn verändern wird…

“Radieschen von unten” ist ein Buch für Kinder und so darf es nicht verwundern, dass die Toten vor ihrem Begräbnis noch Worte mit dem Bestatter wechseln. Ob dieser sich nur einbildet, dass die Toten zu ihm sprechen, oder ob sie es tatsächlich tun, ist völlig irrelevant. Wichtig ist nur eines: Selbst, wenn ein Mensch stirbt, hat man noch immer die Chance, sich von ihm zu verabschieden und der Tod ist nicht zwangsläufig das Ende. Wer weiß schon, was nach dem Tod auf den Verstorbenen wartet? Das kann Mut machen und Hoffnung schenken, wenn ein geliebter Mensch stirbt; so, wie der Bestatter versucht, der verstorbenen jungen Frau ein wenig Hoffnung zu machen  wenn er ihr sagt, dass nach dem Tod vielleicht das Paradies auf sie warte.
“Doch Radieschen von unten” erzählt nicht nur eine Geschichte über den Tod, sondern auch eine Geschichte über das Leben; eine Geschichte davon, wie wichtig es ist, das Leben zu leben, auch, wenn es vergänglich ist; eine Geschichte davon, wie schön es sein kann, jemandem, den man mag, eine Blume zu schenken, auch wenn sie irgendwann verwelken wird; eine Geschichte davon, wie schön das Leben sein kann, selbst, wenn man mit dem Tod konfrontiert wird.

So ist dieses kleine Buch vielleicht nur auf den ersten Blick ein Kinderbuch – und auf den zweiten ein Buch, das Mut macht, den Kopf nicht in den Sand zu stecken.

Interessant – und etwas skurril – illustriert wurde “Radieschen von unten” von Kamila Slocinska, die es geschafft hat, mit ihren Illustrationen die Stimmung zwischen der zunächst grauen Tristesse des Bestatteralltags und dem bunten Leben, das sich um ihn herum abspielt, auf einer bildlichen Ebene wunderbar wiederzugeben.

Ransom Riggs – Die Insel der besonderen Kinder (Miss Peregrine #1)

Autor: Ransom Riggs // Titel: Die Insel der besonderen Kinder (Bd. 1) // OriginaltitelMiss Peregrine’s Home for Peculiar Children // Verlag: Pan Verlag // Erschienen: 02. November 2011 // ISBN-10: 3426283689 // ISBN-13978-3426283684 // Seiten: 416  // Ausgabe: gelesen als E-Book (Knaur-Ebook / ASIN: B005UL2GEM) // Preis: 14.99 € // Genre: Fantasy, Buchreihe, Jugendbuch

Der fünfzehnjährige Jacob ist der Einzige in der Familie, der eine enge Verbindung zu seinem Großvater Abraham hat: der exzentrische alte Mann macht es seiner Familie nicht leicht. Offenbar unter Verfolgungswahn leidend hortet er Waffen und erzählt wirre Geschichten über Kinder mit besonderen Fähigkeiten…
Jacob glaubt schon lange nicht mehr an diese Erzählungen – die Fotos, die sein Großvater ihm als Beweis zeigte, sind offensichtlich gefälscht. Doch dann muss Jacob mit ansehen, wie eigenartige Wesen seinen Großvater ermorden – hat der alte Mann etwa doch die Wahrheit gesagt?

Meine Meinung

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.

Von der ersten Seite an fand ich “Die Insel der besonderen Kinder” fesselnd. Ransom Riggs Schreibstil ist flüssig und gut zu lesen – schnell baut er sowohl durch die Handlung als auch durch seine Wortwahl eine stimmige Atmosphäre auf, die einerseits unheimlich, andererseits anheimelnd ist.

Jacob ist ein angenehmer Protagonist: Mit typischen Teenager-Problemen (die – etwas ungewöhnliche – erste große Liebe, Selbstzweifeln, Selbstfindung etc.) konfrontiert hangelt er sich durch sein Leben und doch ist da viel mehr. Er bemerkt, dass er nicht ist, wie die anderen. Ransom Riggs beschreibt einen jungen Mann, der seinem Alter voraus ist, viel nachdenkt – über sich selbst und über andere und der bereit ist, Opfer zu bringen und sich um die Menschen in seinem Umfeld sorgt. Jacob wird, mit den Ereignissen auf der Insel und rund um die besonderen Kinder, spürbar reifer und obwohl er vor allen Dingen sehr sympathisch wirkt, hat er doch seine kleinen Ecken und Kanten.

Die anderen Protagonisten zu “entdecken” ist spannend: Wer sind diese “Kinder”? Was macht sie so besonders? Was hat es mit Miss Peregrine auf sich? Was ist zwischen Emma und Abe vorgefallen? Leider bleibt bei so vielen Figuren die Tiefe einzelner Figuren auf der Strecke, doch selbst Jacobs Vater, der wirklich als “Nebenfigur” bezeichnet werden kann, bleibt auch nach der Lektüre noch erstaunlich gut im Gedächtnis.

Insgesamt entwickeln sich sowohl die Figuren als auch die Handlung sehr konsequent und logisch weiter.

Die Handlung ist mitreissend: Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen miteinander und es gilt, Geheimnisse zu lüften. Ransom Riggs treibt die Geschichte stellenweise sehr schnell voran, vergisst darüber aber nicht, auch retardierende Momente an den richtigen Stellen einfließen zu lassen… Besonders überraschend gestaltet sich der Handlungsverlauf nicht, aber durch die Atmosphäre und die Details, die zum Weiterlesen animieren, fällt dies auch nicht großartig ins Gewicht.

Interessant ist die Aufmachung des Buches: Es sind alte Fotos eingefügt. Laut Nachwort des Autos handelt es sich dabei um wirkliche Sammlerstücke (also nicht um Fotographien, die extra für das Buch angefertigt wurden), die ihn zum Buch inspiriert haben. Die Bilder passen einfach perfekt und unterstreichen das Geschriebene noch einmal eindrücklich.

Insgesamt kann ich mir vorstellen, dass die Geschichte mit einem “runden” Ende vielleicht noch besser gewirkt hätte. Da es sich um den Auftakt einer Reihe handelt, gibt es natürlich ein dementsprechend offenes Ende…

Fazit

Ich bin ja wirklich furchtbar lange um dieses Buch herumgeschlichen wie die Katze um die Sahne und war mir einfach nicht sicher, ob ich es kaufen sollte oder nicht. Mein Freund hat mir dann die Entscheidung abgenommen – zum Glück! “Die Insel der besonderen Kinder” ist – trotz einiger kleiner Schwächen – eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Das Buch war insgesamt einfach stimmig, mitreißend, romantisch, lustig, traurig… Ich hoffe, ich habe nun nicht zu hohe Erwartungen an den zweiten Teil ; )

Manfred Gregor – Die Brücke

Autor: Manfred Gregor // Titel: Die Brücke // Originaltitel: – // Verlag: cbt // Erschienen: in der von mir gelesenen Ausgabe am 5. März 2007 // ISBN -10: 3570303616 // ISBN-13978-3570303610 // Seiten: 224 Seiten  // Ausgabe: Taschenbuch // Preis: 6,95 € / 11,90 CHF  // Genre: Jugendbuch, Drama, historischer Roman

2. Mai 1945

Nur wenige Tage vor der Kapitulation Deutschlands ziehen sieben junge Männer im Auftrag der Wehrmacht aus, um “Vaterland”, “Volk”, “Ehre” und den “Führer” im Krieg zu verteidigen. Was mit falschen Vorstellungen und dem strengen Kasernenalltag beginnt, wird bald ein blutiger Kampf ums Überleben, als die sieben eine – strategisch bedeutungslose – Brücke vor den anrückenden Amerikanern verteidigen sollen…

Meine Meinung

Manfred Gregors Roman “Die Brücke” – erstmals 1958 erschienen – ist, gemessen an Erich Maria Remarques “Im Westen nichts Neues” ein eher kleines, literarisches Licht. Möchte man auf den ersten Blick meinen. Wo Remarques Protagonisten voller Emotion handeln, sich fürchten, schreien, Krieg führen, sind Manfred Gregors Figuren hölzern, oberflächlich und wenig emotional.
Doch genau das ist, zumindest in meinen Augen, für diesen Roman auch notwendig. Als Leser fühlt man sich starr vor Entsetzen, wenn man sich ins Bewusstsein führt, dass diese jungen Männer gar keine Chance haben, “ausgedehnt” um ihre gefallenen Freunde zu trauern – es könnte sie ihr Leben kosten. Manfred Gregor zeigt seine Protagonisten fast ausschließlich im Gefecht (ein großer Unterschied zu Remarque) und wer hat im direkten Kampf schon Zeit, reflektiert über das nachzudenken, was er tut? Im Krieg heißt es einzig, zu überleben. Gedankenfetzen, Assoziationen und (angedeutete) Gefühle sind es, die der Leser von den Figuren zu fassen bekommt ~ und Erinnerungen in Form von Rückblenden.
Für einen Roman dieser Art, der ja wirklich (fast) nur von wenigen Stunden berichtet, finde ich keine Erzählform passender als diese.
Die alten Männer, welche die Brücke ebenfalls verteidigen sollen, suchen das Weite. Der fehlgeleitete Idealismus, eingebläut durch die Schule, die Hitlerjugend und Co., bringt die Jungen in Schwierigkeiten, da sie den Alten nicht folgen: Sie haben die Chance, zu fliehen, doch sie schlagen sie aus, weil ein General ihnen befohlen hat, die Brücke zu bewachen – und was zählt ihre Meinung schon gegen die des Generals? Sie sind ein Beispiel absoluten Gehorsams und verteidigen “ihre” Brücke bis zum bitteren Ende…
Und dieses Ende verdeutlicht noch einmal mehr, wie grausam der Krieg ins Bewusstsein derer drängt, die ihn miterleben müssen, wie sehr er Menschen verstört und wie erbarmungslos er seine Opfer fordert…

Fazit

“Die Brücke” ist ein beeindruckendes und erschreckendes Buch, das – zumindest “literarisch” betrachet – zwar nicht ganz an “Im Westen nichts Neues” herankommt, doch auf seine Art und Weise eindrücklich ist, auch über das Ende hinaus. Sehr aufschlussreich (und bewegend) ist auch das Nachwort des Autors.

“Die Brücke” wurde 1959 von Bernhard Wicki verfilmt (Trailer), 2008 versuchte sich ProSieben an einem (mehr oder weniger gelungenen) Remake (Trailer).

Antonia Michaelis – Die Worte der weissen Königin

Autor: Antonia Michaelis // Titel: Die Worte der weissen Königin // Originaltitel: – // Verlag: Oetinger // Erschienen: August 2011 // ISBN-10: 3789142913 // ISBN-13978-3789142918 // Seiten: 267 Seiten  // Ausgabe: gebundene Ausgabe // Preis: 14,95 € / 23,90 CHF  // Genre: Jugendbuch, Drama

Lion kann sich gar nicht mehr an seine Mutter erinnern – so früh hat sie ihn und seinen Vater verlassen; um nach Westdeutschland zu gehen. Was Lion bleibt, ist seine Vorstellungkraft, die täglichen Streifzüge am Meer mit seinem Vater und eine große Faszination, welche Seeadler auf ihn ausüben.
Mit fünf Jahren verändert sich sein Leben, als er auf “die weiße Königin” trifft, eine alte Dame, die in der Kirche Geschichten vorliest – und während er beginnt, auf die nächste Vorleserunde hinzufiebern, entfernt sich sein Vater immer mehr von ihm.
Als Lions Vater dann seine Arbeit verliert und seine Sorgen und Minderwertigkeitskomplexe im Alkohol ertränkt, hält “der schwarze König” in Lions zu Hause Einzug und er sieht keinen anderen Ausweg mehr, als zu flüchten – Hilfe bekommt er dabei von einem Seeadler, seinem treusten Freund…

Meine Meinung

Antonia Michaelis erzählt in “Die Worte der weissen Königin” eine Geschichte über einen kleinen Jungen, dessen Schicksal wohl leider viele andere kleine Jungen (und auch Mädchen) nicht nur in Deutschland teilen: Lion ist zutiefst traumatisiert, denn sein Vater prügelt ihn in seiner Wut und seinem Selbsthass beinahe zu Tode. Regelmässig. Und Lion hat nicht die Kraft, sich zu wehren – er wünscht sich einfach nur, dass sein Vater wiederkommt, der Vater, mit dem er als kleines Kind so glücklich war. Doch sein Vater begreift erst, was er getan hat, als es schon fast zu spät ist -
Lion nämlich ergreift die Flucht und versucht, die “weisse Königin” ausfindig zu machen, die alte Dame, die ihm und anderen Kindern in der Kirche vorgelesen hat und deren Worte Lion Trost, Kraft und Schutz geben ~ denn bei seinen verzweifelten Versuchen, die richtigen Worte zu finden, ist er gescheitert. Auch sein Vater scheitert – allerdings bei dem Versuch, sich das Leben zu nehmen, als er realisiert, was er getan hat.
“Die Worte der weissen Königin” ist ein Buch über eine sehr ungewöhnliche, wunderbare Freundschaft – zwischen Lion und seinem geliebten Seeadler, den er selbst gezähmt hat -, über Güte und Hilfsbereitschaft und darüber, dass Menschen sich vielleicht auch ändern können. Freiheit spielt ebenfalls eine Rolle – einfach davonfliegen zu können, wie ein Seeadler… Und schließlich erzählen “die Worte der weissen Königin” auch davon, verzeihen zu können…
Wortgewaltig berührt Antonia Michaelis den Leser, rührt zu Tränen und macht an ihrem eigenen Buch deutlich, wie tröstlich die richtigen Worte zur richtigen Zeit sein können.
Lion muss auf seinem Weg zur “weissen Königin” nicht nur mit seiner Angst und Verzweiflung umzugehen lernen, sondern auch mit Wut, Enttäuschung und Hass, symbolisiert in seiner (Phantasie-)Schwester. Mehr als einmal ist er zwiegespalten ob seiner (künftigen) Handlungen – und weiß nicht, wie er sich entscheiden soll.
Das Ende ist – zumindest meiner Meinung nach – noch immer etwas offen und hat mich zwei Nächte lang nicht schlafen lassen. Ich habe in mehreren Rezensionen gelesen, dass das Ende zu “einfach” wäre – dem kann ich mich gar nicht anschließen. Für mich hat das Ende etwas zutiefst beunruhigendes.

SPOILER (zum Lesen markieren)

Natürlich scheint nun alles in Ordnung zu sein – doch das Ende ist lediglich eine Momentaufnahme. Wer verspricht, dass wirklich alles wieder in Ordnung kommt? So viele Alkoholiker erleiden Rückfälle… Und es passiert so oft, dass der erste Schein trügt, dass sich beim nächsten tragischen Ereignis alles wieder ins Gegenteil verkehrt…
Für mich wäre ein “einfaches Ende” ein Ende gewesen, in dem Lion vielleicht als alter Mann davon berichtet, dass sein Vater nie wieder gewalttätig gegen ihn geworden ist. So aber bleibt bei mir das mulmige Gefühl, dass Lion dieser Hölle möglicherweise allzu schnell wieder ausgesetzt ist…

SPOILER ENDE

Fazit

“Die Worte der weissen Königin” ist ein beeindruckendes, einfühlsames Buch über einen kleinen Jungen, der seinem gewalttätigen Vater zu entkommen versucht und sich in die tröstende Kraft der Worte flüchtet. Zur Seite steht ihm “sein” Seeadler – sein einziger Freund – bis zum Schluss. Es ist schwierig für mich, in Worte zu fassen, was dieses Buch bei mir ausgelöst hat; es hat mich zutiefst berührt.

Elizabeth Kostova – Der Historiker

Autor: KOSTOVA, Elizabeth // Titel: Der Historiker // Originaltitel: the Historian // Verlag: Berlin Verlage // Erschienen: 22. September 2006 (Taschenbuch) // ISBN-10: 3833303948 // ISBN-13: 978-3833303944 // Seiten: 848 Seiten // Ausgabe: Taschenbuch // Preis: 14,95 € // Genre: Fantasy, historischer Roman, Abenteuer

Ein junges Mädchen begibt sich auf die Spuren der Historie – und scheint damit, wie schon ihr Vater vor ihr, einen Drachen, der in der Vergangenheit lauert zu erwecken. Ihr Weg beginnt mit ein paar Briefen, die sie im Arbeitszimmer ihres vielbeschäftigten Vaters liest – und endet mit einer Reise zu ihren Wurzeln, welche sie tief nach Osteuropa führt…

Meine Meinung

Ich muss ehrlich sagen, dass ich den Inhalt von “Der Historiker” kaum beschreiben kann – zu vielschichtig und facettenreich ist dieser Roman, um ihn in ein paar wenigen Sätzen zusammenzufassen, ohne gleich zu viel zu verraten. Die nachfolgende Rezension ist daher mit Vorsicht zu genießen, denn ich kann nicht versprechen, dass ich ‘nichts ausplaudere’.

Ich möchte aber zunächst ganz untypisch beginnen, nämlich mit einem Zitat aus “Der Historiker”, das ich für absolut treffend halte:

“Es ist eine Tatsache, dass wir Historiker uns für Dinge interessieren, die zum Teil unser eigenes Ich widerspiegeln, vielleicht den Teil, den wir am liebsten nicht näher untersuchen würden, es sei denn auf dem Feld unserer Wissenschaft. Und je mehr wir in unsere Interessen eintauchen, desto mehr ergreifen sie von uns Besitz.” (S. 314)

Warum ich diesen Satz zitiere? Zunächst einmal bin ich der Meinung, dass er den Kern dessen, was Historiker antreibt, trifft. Damit meine ich nicht Menschen, die mal eben Geschichtswissenschaft studieren – sondern Personen, die in ihren Studien aufgehen und sich so sehr in die Vergangenheit verstricken, dass sie beinahe zur Flucht aus der Gegenwart wird. Menschen, die eine Leidenschaft für die Geschichte und die Geheimnisse, die sie birgt, empfinden. Okay, okay… Ich komme ja schon zur Rezension. Was hat also dieser Satz mit der Rezension des Buches zu tun?
Er drückt ziemlich genau aus, was sowohl mit den Protagonisten als auch mit den Lesern des Buches (sofern sie denn Gefallen an Kostovas Geschichte finden) geschieht: Eigentlich fürchtet man sich vor dem, was kommt – möchte den Hut vor den mysteriösen Dingen ziehen, die vor sich gehen und einfach so weitermachen wie bisher – aber das funktioniert nicht, denn da ist ein Sog, dem man nicht widerstehen kann. Die Geschichte ergreift nach und nach Besitz vom Denken. So begeben sich die Protagonisten auf eine Reise quer durch die (osteuropäische) Welt, um Geheimnisse zu lüften, die sie eigentlich fürchten; sie können nicht einfach umkehren, weil die Geschichte längst Besitz von ihnen ergriffen hat. Und der Leser sitzt gebannt vor den Buchseiten und liest und blättert und liest und blättert bis tief in die Nacht hinein, weil auch er sich nicht entziehen kann.
Ich halte Kostovas “Historiker” für wunderbar recherchiert und konnte mich gar nicht “sattlesen” an den vielen Beschreibungen von Bibliotheken, alten Pergamenten, alten Büchern und Schriften, historischen Orten und Begebenheiten ~ aber dafür muss man, zugegebenermaßen, ein Faible haben. Wer eine mittelalterliche Handschrift im Original gesehen, vielleicht sogar angefasst hat, wird verstehen, welch ein Zauber davon ausgeht. Für mich als (angehende) Historikerin (mit Leib und Seele) war alleine diese Seite des Buches ein wahrer Hochgenuss, denn mit eigenartigen Quellen beginnt im “Historiker” die ganze Geschichte  – so wie im wahren “Historiker-Leben” auch.

Von unterschiedlichen Blickwinkeln – nämlich mit dem Blick aus drei verschiedenen Generationen – wird vor dem Leser eine Geschichte aufgerollt, die sich einerseits an Quellen orientiert und andererseits ins Phantastische abdriftet, ohne dabei überladen zu sein oder sich in Klischees zu ergehen. Ja, “Der Historiker” ist ein Vampirroman – aber ganz anderer Gestalt als Twilight oder Interview mit einem Vampir; und auch, wenn Kostova immer wieder Zitate des Dracula-Autors Bram Stoker einstreut, erschafft sie hier eine völlig neue Vampirgeschichte, losgelöst von der Mainstream-Vampirliteratur. “Der Historiker” ist mehr als ein Buch über Nackenbeißer: ein Abenteuerroman, bis zu einem gewissen Grad ein Familiendrama und – zumindest teilweise – auch noch ein guter literarischer Abriss über südosteuropäische Geschichte.
Ich habe zunächst befürchtet, dass ich mit den unterschiedlichen Zeitperspektiven – 1930er, 1950er und 1970er Jahren – Mühe haben würde, doch Elizabeth Kostova hat die Fäden so geschickt verwoben, dass ein Rädchen perfekt in das andere übergreift und sich ein stimmiges Gesamtbild ergibt.
Stimmig sind auch die Figuren, die sich zugegebenermaßen eher wenig entwickeln (doch wenn sie sich entwickeln, dann in eine sehr plausible Richtung), die Auswahl der Orte und Begebenheiten und letzten Endes auch Kostovas Art den “Historiker” zu erzählen: Aus Büchern, Notizen, Aufzeichnungen in Archiven, Gesprächen und Briefen jeglicher Art, gepaart mit erzählenden Passagen, rollt sich vor dem Leser eine Geschichte auf, die mitreißend und spannend ist.

Der Historiker hätte zweifellos eines meiner Jahreshighlights werden können, wenn, ja wenn da die letzten rund 230 Seiten nicht gewesen wären (bzw. anders gewesen wären). Es fällt mir schwer zu sagen, was mich gestört hat. Vielleicht war es die Tatsache, dass Elizabeth Kostova hier auf einmal wirklich mit einem Klischee arbeitete – oder vielleicht auch der genannte Auslöser für alle Ereignisse. Vielleicht war es auch das viel  zu versöhnliche Ende. Auf jeden Fall konnte der Schluss mich nicht mehr so mitreißen und fesseln wie der Rest des Romans.

Fazit

“Der Historiker” ist genau die richtige Lektüre für dunkle und verregnete Herbst-Abende. Er ist spannend, vielleicht etwas gruselig, mysteriös und mitreißend – und erzählt eine Vampirgeschichte, die irgendwie anders ist. Geschickt werden hier historische Gegebenheiten in eine Fantasy-Geschichte eingewoben; so geschickt, dass man als Leser den Spuren der Protagonisten folgen kann, ohne ständig daran erinnert zu werden, dass es sich ja eigentlich um einen phantastischen Roman handelt. Für mich persönlich konnte das Ende nicht ganz an den Rest des Romans anknüpfen, weshalb ich “nur” 4.5 von 5 Sternen vergebe.


Ilsa J. Bick – Ashes: Brennendes Herz (Ashes, Bd. 1)

Autor: BICK, Ilsa J. // Titel: Ashes – Brennendes Herz (Ashes, Bd. 1) // Originaltitel: Ashes // Verlag: Egmont INK // Erschienen: 4. August 2011 // ISBN-10: 386396005X // ISBN-13: 978-3863960056 // Seiten: 502 Seiten // Einband: gebundene Ausgabe // Preis: 19,99 € / 31,90 CHF // Genre: Jugendbuch, YA-Roman, Endzeitroman // gelesen vom 14.-16. August 2011

Inhalt

Stell’ dir vor, dass du zu einem Wanderurlaub aufbrichst, um mit dir selbst ins Reine zu kommen. Du hast dich perfekt vorbereitet und alles läuft nach Plan; bis du auf einen alten Mann und seine Enkelin triffst – und das Schicksal hart und erbarmungslos zuschlägt.
Innerhalb eines Herzschlags ist nichts mehr so, wie es sein sollte, denn eine Katastrophe hat die Welt, die du kanntest, in Schutt und Asche verwandelt… Nun ist sich jeder selbst der Nächste – oder etwa nicht?

Meine Meinung

Ashes erzählt von einer jungen Frau, die kurz davor steht, alles aufzugeben – Wozu leben, wenn man sterben muss? Weshalb eine Therapie machen, wenn doch keine Aussicht auf Besserung besteht? – und dann um ihr nacktes Überleben kämpfen muss. Denn nicht nur die Welt um sie herum verändert sich, sondern auch sie selbst…
Alex, die Protagonistin, ist schwer krank und hat einen schweren Schickalsschlag überwinden müssen. Sie unternimmt eine Wandertour, weil sie ganz für sich alleine eine Entscheidung treffen und vielleicht auch ihre Grenzen austesten möchte. Doch dann kommt alles anders als geplant, denn als sie die Katastrophe sich ereignet, ist sie plötzlich nicht nur für sich selbst, sondern auch für ein kleines Mädchen verantwortlich. Sie überwindet sich – und ihre Abneigung gegen die kleine Ellie – und nimmt das Ruder in die Hand. Auch, wenn sie an der ein oder anderen Stelle zu straucheln droht, ist Alex eine Kämpferin, die so schnell nicht aufgibt; eine starke Protagonistin, die mir sehr, sehr gut gefällt.
Ellie erscheint zunächst wie eine kleine, nervige Göre, doch der Schein trügt, denn hinter ihrer zickigen Fassade steckt ein verletzliches, ängstliches und liebes Mädchen, das schon in jungen Jahren schwer vom Schicksal gezeichnet ist. So kommt man als Leser nicht umhin, Anteil zu nehmen, wenn sie sich in Gefahr befindet.
Der junge Soldat Tom, dem sich Alex und Ellie anschließen, ist ein offener Mensch, der sehr intelligent ist und Entscheidungen trifft, auch wenn er sie lieber nicht treffen würde.  Er trifft seine Entscheidungen nicht leichtfertig, sondern erst, nachdem er die Möglichkeiten, die ihm bleiben, sorgsam durchdacht hat. Doch für Tom ist Vernunft nicht alles – denn ist eine Liebe unter solchen Umständen ‘vernünftig’? Kann Liebe überhaupt vernünftig sein?
Damit wären drei der wichtigsten Protagonisten in “Ashes” grob umrissen. Alle drei unterscheiden sie sich stark – im Bezug auf ihr Alter, im Bezug auf ihr Wesen – und doch haben sie alle etwas gemeinsam: Der Leser fühlt mit ihnen, was nicht zuletzt daran liegt, dass Ilsa J. Bick ihren Figuren eine gewisse Tiefe verliehen hat, ohne dabei zu viel über sie preiszugeben. So bleiben sie interessant und man möchte erfahren, wie es mit ihnen weitergeht – oder auch was ihnen zugestoßen ist, bevor sie aufeinandertrafen.
Ich muss ehrlich gestehen, dass Ellie mich anfangs wirklich Nerven gekostet hat. Auch in Anbetracht der Vorgeschichte finde ich nicht, dass sie sich anfangs wie eine Achtjährige verhält, sondern mehr wie ein trotziger Teenager wirkt. Dieser Eindruck hat sich jedoch genauso schnell verändert, wie sich Ellie selbst verändert hat – und nun sitze ich hier und frage mich, was die Autorin in Bezug auf das kleine Mädchen noch für ihre Leser bereithalten mag.
Es tauchen einige Figuren auf in “Ashes” – manche von ihnen sind bösartig oder erschreckend, andere verzweifelt und es gibt auch solche, die eine Rolle spielen, die man ihnen nicht zutraut.
Nicht zugetraut habe ich diesem Buch, das für die Altersgruppe 14-17 empfohlen wird, dass es mit einer solchen Brutalität zur Sache geht. Für mich ist das wirklich kein Problem – ich habe die Lektüre offengestanden sogar sehr genossen, weil ich immer wieder Stellen entdeckte, die mich extrem an Horrorfilmszenen erinnerten, die ich mochte. Natürlich waren die Beschreibungen nicht so plastisch, aber von der Grundstimmung her und einigen Ideen konnte ich schon einen Bezug zum ein oder anderen Horrorfilm herstellen. So etwas muss man mögen – wenn man also einen empfindlichen Magen hat, ist das Buch stellenweise sicher nicht geeignet. Mich hat diese Erinnerung an mir bekannte Filme sehr überrascht, weil ich damit wirklich nicht gerechnet habe. Die Bedrohung wurde durch diese “grausamen” Elemente wirklich spürbar und ab und an schlug mir das Herz bis zum Hals. Trotzdem hätte es von mir aus gerne noch etwas mehr “Horror” sein dürfen (z.B. in der Rangerhütte…) – wobei das Szenario an sich ja eigentlich schon “Horror” genug ist. Endzeit – dieses Wort trifft den Kern der Sache wohl recht gut. Der Leser wird hier nicht mit Samthandschuhen angefasst, sondern damit konfrontiert, wie Menschen sich verhalten (können), wenn eine solche Krisensituation eintritt und das hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Einen bitteren Nachgeschmack deshalb, weil ein solches Verhalten – Mord, Raub, Gewalt, Plünderung – nicht als an den Haaren herbeigezogen erscheint, sondern als eine durchaus reale Bedrohung, die so jederzeit eintreten könnte; Das Prinzip “nichts hören – nichts sehen” funktioniert in solchen Zeiten nicht.
Insgesamt ist die Handlung nervenaufreibend und überwiegend spannend. Dadurch, dass die Protagonisten nicht immer absolut “logisch” handeln (was in Anbetracht der Umstände ja auch irgendwie verständlich ist – unklar bleibt mir z.B., warum das Trio die Rangerhütte zu einem so ungünstigen Zeitpunkt verlassen hat), bleibt die Geschichte, sowohl von Seiten der Figuren als auch durch das ganze Szenario bedingt, zu einem guten Teil unvorhersehbar. Die Autorin hat geschickterweise in viele Kapitel kleine Cliffhanger eingearbeitet – wenn man das Buch nachts im Bett liest, kann man also hart auf die Probe gestellt werden: Schlafen oder dem Drang nachgeben, doch nur noch ein Kapitelchen zu lesen? Ich musste mich jedenfalls wirklich zwingen, das Buch nicht in ein paar Stunden durchzulesen. In der Mitte hat die Spannung etwas nachgelassen; ein Umstand, der durch die nachfolgendenen Ereignisse aber fast wieder wett gemacht wurde. Die Ereignisse in Rule gehen nur schleppend voran und entsprachen leider ziemlich genau dem, was ich bereits vermutet hatte – was dann folgte, hat mich jedoch wieder sehr überrascht.
Der Schluss wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet und so blicke ich aufgeregt wartend der Fortsetzung von  “Ashes” entgegen und hoffe, dass ich die Wartezeit mit ebenso spannenden Büchern gut überbrücken kann.

Fazit

Ashes ist tempo- und actionreich, atemberaubend spannend und keine leichte Lektüre. Der Nervenkitzel ist garantiert und trotz ein paar kleinen Schwächen hat mich Ashes absolut überzeugt. Wer sich allerdings darauf verlässt, hier eine weit ausschweifende Liebesgeschichte vorzufinden, wie der Klappentext vermuten lässt, wird hier wohl nicht ganz auf seine Kosten kommen.

Rita Voltmer – Hexen: Wissen was stimmt

Autor: VOLTMER, Rita // Titel: Hexen: wissen was stimmt // Originaltitel: – // Verlag: Herder Verlag // Erschienen: 7. Oktober 2008 // ISBN-10: 3451058685 // ISBN-13: 978-3451058684 // Seiten: 128 Seiten // Einband: Taschenbuch // Preis: 7,95 € // Genre: Sachbuch // gelesen am 30. Juli 2011

Meine Meinung

Ausgesprochen detailliert für ein Sachbuch wird hier auf nur 128 Seiten mit den Mysterien rund um die Hexenverfolgung in Europa aufgeräumt. Rita Voltmer ist Historikerin und scheut sich nicht, den Leser zunächst mit der Arbeitsweise eines Historikers zu konfrontieren: Quellen prüfen, gewichten und kritisch betrachten heißt es für uns Geschichtswissenschaftler und auch für Laien lohnt es sich, diesen Grundsatz zu berücksichtigen. Sie belässt es jedoch mit einer kleinen “Notiz am Rande” (was für ein Sachbuch völlig in Ordnung ist; es ist sogar sehr erfreulich, dass sie dieses Thema überhaupt aufgreift) und geht über zu Vorurteilen, die sich in Bezug auf die Hexenverfolgung in Europa noch immer halten, obwohl sie von der Forschung längst widerlegt sind. So manchem Neuling auf dem Gebiet der “Hexenforschung” dürfte das Buch zumindest teilweise die Augen öffnen. Voltmer geht z.B. auf den Irrglauben ein, die Hexenverfolgung sei ein Phänomen des “finsteren Mittelalters”  – sie erklärt die Rolle der Kirche und der “Inquisition”, streift (mögliche) Gründe der Hexenverfolgung und knüpft auch an zeitgenössische Trends an, indem sie z.B. den “Wicca-Kult” unter die Lupe nimmt. Das anschließende Literaturverzeichnis hält noch den ein oder anderen Lesetipp parat (von denen einige Publikationen nun auf meiner Wunschliste stehen) und rundet das Büchlein ab.
In einer Rezension bei amazon.de habe ich gelesen, das Buch enthalte zu viele lateinische Fachausdrücke – das kann ich so wirklich nicht bestätigen, oder ich habe es einfach überlesen, weil ich mit diesen Begriffen vertraut bin. Ich halte das Buch für sehr gut verständlich und auf einem angemessenen Sprachniveau verfasst, wichtige Aspekte werden zudem in orange unterlegten “Kästchen” hervorgehoben und kleine Themenschwerpunkte am Rand erleichtern die Orientierung.

Fazit

“Hexen: Wissen was stimmt” ist meiner Meinung nach ein sehr gelungenes Sachbuch über die europäische Hexenverfolgung, das viele Vorurteile kritisch unter die Lupe nimmt und erläutert, weshalb diese nicht zutreffend sind und von der Hexenforschung widerlegt wurden. Für alte Hasen auf dem Gebiet offenbart Rita Voltmer hier sicherlich nichts neues, für Neulinge und Interessierte ist das kleine Buch mit Sicherheit eine Bereicherung und eine sehr gelungene Einführung in die Thematik. Durch das Literaturverzeichnis, das dann auch mit z.T. auch mit wissenschaftlicheren und/oder umfangreicheren Publikationen aufwartet, wird ein guter Anreiz zum Weiterlesen geboten.

Nele Neuhaus – Wer Wind sät (Kirchhoff/Bodenstein, Bd. 5)

Autor: NEUHAUS, Nele // Titel: Wer Wind sät // Originaltitel: – // Verlag: Ullstein Verlag // Erschienen: 13. Mai 2011 // ISBN-10: 3548283519 // ISBN-13: 978-3548283517 // Seiten: 560 Seiten // Einband: Taschenbuch // Preis: 14,99 € // Genre: Kriminalroman // gelesen am 28./29. Juli 2011

Inhalt

Die Firma Windpro möchte im Taunus Windräder errichten – allerdings herrscht über die Zuwegnung Uneinigkeit, denn der Weg zur Baustelle müsste über eine Wiese führen, die deren Eigentümer jedoch für kein Geld der Welt verkaufen möchte. Unterstützt wird er von Umweltaktivisten, die  zu beweisen versuchen, dass die Firma sich Gutachten über den Nutzen der Windräder erschlichen hat und zu diesem Zweck Bestechungsgelder geflossen sind.
Als dann ein Mitarbeiter der Windpro ums Leben kommt und kurz darauf eine Person ermordet wird, die im Mittelpunkt der Ereignisse steht, nehmen Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein vom K11 die Ermittlungen auf.

Meine Meinung

Die Handlung vermochte mich zunächst nicht wirklich zu fesseln: Umweltaktivisten, Industrie/Konzerne, ein psychisch labiler Jugendlicher und dazu noch eine Klimaverschwörung – das alles erschien mir zunächst als “too-much”. Ich hatte das Gefühl, dass die Ermittlungen zunächst nur stockend in Gang kamen und sich alles etwas zu sehr in die Länge zog – doch weit gefehlt. Nele Neuhaus hat nicht umsonst diese vielen einzelnen
Schauplätze und Ereignisabfolgen gewählt, sondern ganz bewusst auf falsche Fährten geführt, Motive plausibel gemacht und vor allen Dingen mit einigen unvorhersehbaren Wendungen die Spannung bis zum Ende stetig gesteigert.
Etwas zu kurz kam meiner Meinung nach Annikas Geschichte – auch nach Beendigung der Lektüre weiß ich nicht sicher, auf welcher “Seite” sie denn nun stand, schließlich schreibt Neuhaus, Bodenstein würde Annika unterschätzen — aber hat er sie denn so sehr unterschätzt? Ist sie “schuldig” oder “unschuldig”? Für mich wird das abschließend nicht tiefgehend genug geklärt. Mehr interessante Reibungspunkte hätten auch die familiären Konflikte zwischen Mark und seinen Eltern und zwischen Fraukes Familie geboten; letzten Endes gab es aber auch so genug Geheimniskrämerei und genug Möglichkeiten, um den Leser in die Irre zu führen. Zum Schluss laufen die Fäden wieder zusammen und es ergibt sich ein stimmiges, rundes Gesamtbild.
Die Figuren sind – wie gewohnt – facettenreich und und toll konzipiert: Einige kann man von Anfang an richtig einschätzen,  was ihre Geschichte aber nicht weniger interessant macht, andere überraschen durch ihre Handlungen und Einstellungen immens.
Natürlich kommen auch Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein, die beiden Chef-Ermittler, mit denen Nele Neuhaus ihre Leser nun schon zum fünften Mal mitfiebern lässt, nicht zu kurz: Ihr Auftrag endet nicht in einem Büro und auch nicht in den heimischen vier Wänden. Mit viel Engagement und Mut ist es diesmal vor allem Pia, die die Entwicklungen vorantreibt – Bodenstein  hingegen ist ungewohnt ruhig und sensibel und stürzt sich Hals über Kopf in ein ‘Abenteuer’; Das hätte ich ihm wirklich nicht zugetraut.
Für mich toll ist natürlich wiedereinmal das Setting im Taunus – als Exil-Schweizerin freue ich mich über jeden Taunus-Krimi von Nele Neuhaus und tauche für ein paar Stunden gedanklich ab: in meine Heimat.

Fazit

Nele Neuhaus hat erneut einen packenden Taunus-Krimi geschrieben, in dessen Mittelpunkt nicht die Morde an sich stehen, sondern viel mehr jene Dinge, die zu den Morden führten. Facettenreiche Figuren, interessante Verwicklungen und spannungsgeladene Momente machen “Wer Wind sät” zu einem unterhaltsamen Thriller, der Nele Neuhaus’ Vorgängerwerken in Nichts nachsteht. Ich vergebe 4,5 von 5 Sternen für “Wer Wind sät” und hoffe, hoffe, hoffe, dass der nächste Kirchhoff-Bodenstein-Krimi nicht allzu lange auf sich warten lässt.