[Film] The Loved Ones – Pretty in Blood (2009) | FSK 18

Titel: The Loved Ones – Pretty in Blood | Originaltitel: The Loved Ones | Produktionsjahr: 2009 | Regie: Sean Byrne | Drehbuch: Sean Byrne | Schauspieler: u.a. Robin McLeavy (Lola), Xavier Samuel (Brent), Victoria Thaine (Holly)  | Länge: 84 Min. | Genre: Horror (Torture-Porn/Torture-Horror) | FSK: 18 | Trailer

Darum geht’s:

Brent flüchtet sich in eine Welt aus Drogen und Selbstverstümmelung, weil er glaubt, die Schuld am Tod seines Vaters zu tragen. Nur Holly, seine Freundin, bewahrt ihn davor völlig abzusacken. Gemeinsam wollen sie zum Abschlussball in der Schule gehen, doch dann kommt alles anders als geplant und Brent erlebt einen Alptraum, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint – mit einer Discokugel, einem Hammer, sehr viel pink und sehr viel Blut…

Meine Meinung:

Der arme Jerry! Als es hieß “You’ve got 10 seconds to go or Daddy’s gonna nail it to the chair.” habe ich ihm netterweise die Augen zugehalten, auch an der Stelle mit der Bohrmaschine…

“The Loved Ones” traf mich völlig unerwartet. Ich habe mit einem üblichen Teenie-Horrorfilm gerechnet – und weil ich Jerry nicht mehr als einen Teenie-Horrofilm zumuten wollte (er hat die Nacht zuvor so schlecht geschlafen), habe ich mich für “The Loved Ones” entschieden. Mich erwartete aber kein üblicher Teenie-Trash, eher im Gegenteil. Der Film war zwar z.T. vorhersehbar, bot jedoch immer wieder kleine überraschende Momente (z.T. auch durch die Kamera/den Schnitt bedingt) und war im Endeffekt (für einen Horrorfilm) wirklich gut durchdacht (gut, ich fand’ es irritiernd, dass Brent bei der Sache mit den Füßen nicht ohnmächtig wurde, aber man kann ja nicht alles haben ;) ).

Insgesamt war der Film deutlich “psychologischer” als erwartet und der eigentliche Horror ging weniger von diversen abartigen Handlungen (Bohrmaschine!) aus, sondern viel mehr von der krankhaften Vater-Tochter-Beziehung (unter der offenbar auch die Mutter sehr stark zu leiden hatte) und dem Wahn, in den sich die weibliche Hauptfigur hineinsteigerte. Dieser inszenierte Ball-Abend hatte es in sich und war zwischen all dem Kitsch, dem Pink und der inszenierten Harmlosigkeit einfach richtig, richtig böse.

Ich fand es interessant zu sehen, dass in dem Film wirklich alles irgendwie Sinn gemacht hat. Die Art und Weise der “Folter”, die Nebenstory über Brents Freund Jamie (Richard Wilson) und Mia (Jessica McNamee), die Auswahl der Musik… Das ist bei Horrorfilmen ja häufig nicht der Fall. Bei “The Loved Ones” gab es viele Anspielungen und Bezüge, die den Film wirklich “rund” gemacht haben; das fing bei den Songtexten an und endete bei diversen (sich wiederholenden) Handlungsmustern. Im Übrigen mag ich es, wenn sich Opfer in Horrorfilmen wehren! Bis kurz vor Ende war ich auch nicht wirklich sicher, wer in dem Film überleben würde und wer nicht.

Die Besetzung war auch sehr gut gewählt: Insbesondere Robin McLeavy (Lola) konnte durch ihre Darstellung überzeugen. Ihre Lola ist einerseits unglaublich geistesgestört und psychopathisch, andererseits empfindet man als Zuschauer doch irgendwie Mitleid mit ihr; Lola wirkt vor allen Dingen einsam und verzweifelt. Xavier Samuel gibt sehr überzeugend ein Opfer, das sich seinem Schicksal nicht einfach nur fügt, sondern immer und immer wieder versucht, irgendwie aus der Nummer herauszukommen. Auch John Brumpton (als Lolas Vater) war richtig gut.

Fazit:

Ich sollte Jerry öfter eine Vorauswahl treffen lassen, wenn es darum geht, welchen Horrorstreifen wir als nächstes gucken. Was harmlos klang, entpuppte sich als fieses Filmchen, bei dem ich meine Freude hatte und Jerry sich die Augen zuhalten wollte.

Colin Higgins: Harold and Maude

Harold Chasen stepped up on the chair and placed the noose about his neck. He pulled it tight and tugged on the knot. It would hold. He looked about the den. The Chopin was playing softly. [...] With barely a smile he knocked over the chair and fell jerkily into space.” (p. 1)

Harold interessiert sich nicht für junge Frauen, schnelle Autos, Sport, eine Ausbildung, ein Studium oder Partys. Harold interessiert sich für Zerstörung, für Begräbnisse – und dafür, wie er einen Suizid möglichst gut inszenieren kann.
Maude interessiert sich auch für Begräbnisse – allerdings aus anderen Gründen. Sie interessiert sich außerdem für Blumen, für Kunst, für das Leben und für so viele andere Dinge.
Ein deprimierter junger Mann trifft auf einer Beerdigung eine ältere Dame, die ihm Lakritzbonbons anbietet – und er ahnt nicht, wie sehr diese Begegnung sein Leben auf den Kopf stellen wird.

Meine Meinung

Ich L-I-E-B-E Harold and Maude. Das Buch gehört zu den wenigen Büchern, die ich einfach immer lesen kann, egal in welcher Stimmung – und zu den Büchern, die ich unzählige Male lesen kann, ohne mich irgendwann dabei zu langweilen. Die erste Begegnung mit Harold and Maude hatte ich (ohje, rechnen ist angesagt!) 2005 in meinem Englisch-Kurs (und das Buch war neben Macbeth und The Crucible auch eines der besten, die ich je in einem Englisch-Kurs lesen durfte) und seitdem habe ich es immer mal wieder zur Hand genommen.

Harold and Maude hat einfach alles, was ein tolles Buch ausmacht: Da sind zunächst die beiden Hauptfiguren, Harold und Maude. Harolds melancholische, destruktive Art ergänzt sich wunderbar mit Maudes Aktivismus, ihrer positiven Einstellung und ihren verrückten Einfällen und zusammen ergeben die beiden ein Paar, das ungewöhnlicher nicht sein könnte.

Neben einem gewissen Maß an Ernst (der sich in Harolds Wesen sowieso zeigt – doch auch Maude hat eine Vergangenheit) überzeugt das Buch mich immer wieder auf’s neue durch seinen fabelhaften Humor (das Auto des Priesters, die arrangierten Dates, die Aktion mit dem Baum usw., usw. …), durch seine vielen – nie langweiligen – Details (und Nebenfiguren ;) ) und vor allen Dingen durch seinen Tiefgang. Harold and Maude vermittelt, wie wunderschön es sein kann, die kleinen Dinge des Alltags zu würdigen, “Ja” zum Leben zu sagen und entgegen aller Vorurteile einfach man selbst zu sein. Die Handlung ist so ungewöhnlich wie die Figuren und vermag es immer wieder zu überraschen.

Eine meiner Lieblingsstellen ist übrigens irgendwo relativ mittig im Buch… Harold and Maude sehen sich erst ein wenig Zerstörung an ( ;) ) und dann macht Maude Harold darauf aufmerksam, wie schön es sein kann, Pflanzen wachsen zu sehen – woraus sich natürlich ein tiefsinniges Gespräch entwickelt :-)

Harold and Maude wurde 1971 verfilmt und der Soundtrack von Cat Stevens fängt mit einem bestimmten Lied genau das ein, was Harold and Maude für mich bedeutet: If you want to sing out, sing out. Den Film halte ich übrigens für sehr gelungen (Trailer), also tut euch keinen Zwang an und schaut mal in der nächsten Videothek vorbei (gibt’s so etwas überhaupt noch?), falls ihr Lesemuffel sein solltet!

Fazit

Lesen!

Autor: Colin Higgins | Titel:  Harold and Maude | Originaltitel: – | Verlag: Petersen Taschenbücher | Erscheinungsdatum: 2005 (3. Auflage) | ISBN-10: 3883891649 | ISBN-13: 978-3883891644 | Seitenzahl: 119 Seiten | Ausgabe: Taschenbuch | Preis: / |

Kendare Blake: Anna dressed in blood (Anna Series #1)

Cas ist kein gewöhnlicher Siebzehnjähriger: Seit geraumer Zeit ist er in die Fußstapfen seines ermordeten Vaters getreten und tötet Geister; Geister, die selbst töten – aus Berechnung, aus Wut, aus Verwirrung… Seit zehn Jahren bereitet er sich darauf vor, das, was seinen Vater getötet hat, zur Strecke zu bringen und zieht mit seiner Mutter und der gemeinsamen Katze von Ort zu Ort, um Geistern auf die Spur zu kommen.
Als er auf Anna Korlov, Anna dressed in blood, trifft, ist alles anders. Der Geist des Mädchens tötet jeden, der es wagt, ihr Elternhaus zu betreten – sie verschont nur Cas und der hatte es noch nie mit einem Geist zu tun, der Anna auch nur annähernd geähnelt hätte…

Meine Meinung

Anna dressed in blood gefiel mir von der ersten bis zur letzten Seite gut. Das lag zum einen an der Grundidee des Buches, zum anderen an den Protagonisten, der Spannung und dem Schreibstil.

Die Idee ist schnell erklärt: Ein Junge verliebt sich in ein Mädchen, in das er sich eigentlich nicht verlieben sollte. Bei Anna dressed in blood ist dieses Mädchen jedoch ein Geist, der wider Willen töten muss und dieser Junge ein Geisterjäger, der Anna eigentlich töten sollte. Die Liebesgeschichte wird dem Leser nicht mit der Holzhammermethode eingebläut, wie in anderen Jugendbüchern, sondern entwickelt sich ganz, ganz langsam und stetig; Cas selbst ist der letzte, der bemerkt, dass er sich eigentlich in Anna verliebt hat.
Cas war mir von Anfang an sympathisch: Er ist ein netter Typ, der eine schwierige Aufgabe vor sich hat, nicht auf den Mund gefallen ist und die Dinge anpackt. Obwohl er sich zunächst gegen eine Freundschaft mit Carmel (der “Schulschönheit”) und Thomas (dem “Freak”) sträubt – er ist ja auch seit seinem 10. Lebensjahr immer wieder unterwegs und bleibt nie dauerhaft an einem Ort – wachsen die drei doch zu einem schlagfertigen Trio zusammen.
Hinter Carmel steckt viel, viel mehr, als man auf den ersten Blick vermutet. Sie ist klug, einfühlsam und sehr mutig – und Thomas ist viel mehr als der wunderliche “Freak”. Es hat mir sehr gut gefallen, dass diese beiden “Nebenfiguren” aus starren Rollenklischees ausbrechen und ganz eigen sind. Auch Morfan, Thomas Großvater, Cas’ Mentor, Cas’ Mutter und sogar der Kater Tybalt waren als Randfiguren allesamt auf ihre eigene Art und Weise speziell.
Anna ist eine sehr, sehr tragische Figur; ihr Dilemma wird von Kendare Blake einfühlsam beschrieben. Die Geschichte, die hinter ihrem traurigen Dasein als Geist steckt, war letztendlich eine ganz andere, als ich zunächst vermutete.

Das Buch hat – zumindest meinem Empfinden nach – keine Längen, sondern verfolgt einen konstanten Spannungsbogen. Selbst gegen Ende, als das Geheimnis um Anna bereits gelüftet ist, reißt die Spannung nicht ab, sondern erreicht sogar einen neuen Höhepunkt.

Die Stimmung ist eher düster und Kendare Blake scheut sich auch nicht, unschöne Dinge auch sprachlich auf den Punkt zu bringen. Ihr Schreibstil bringt die Stimmung gut zum Ausdruck und liest sich sehr angenehm und flüssig. Es hat mir gut gefallen, die Geschichte aus Cas’ Sicht zu lesen (1st person ist häufig in Jugendbüchern – doch dass Geschichten aus der Perspektive eines männlichen Protagonisten erzählt werden, ist in dem Genre doch eher ungewöhnlich).

Fazit

Absolute Leseempfehlung für Liebhaber von Teen-Liebesgeschichten und Romantasy!

Autor: Kendare Blake | Titel:  Anna dressed in blood (Anna Series #1) | Originaltitel: – | Verlag: Hachette Children’S Books | Erscheinungsdatum: 5. Juli 2012 | ISBN-10: 140832072X | ISBN-13: 978-1408320723 | Seitenzahl: 368 | Ausgabe: Taschenbuch | Preis: 7,90 € bzw. 17,90 CHF | Genre: Urban-Fantasy, Romantik, Jugendbuch

Anna dressed in blood ist der Auftakt einer Serie. Der zweite Band Girl of Nightmares (ISBN 10: 0765328666)  ist im August 2012 erschienen. Kendare Blake hat eine eigene Website und einen eigenen Blog.

Alan Bradley: Flavia de Luce – Vorhang auf für eine Leiche (#4)

Daffy und Feely wollen Flavia einreden, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt – doch da haben sie die Rechnung ohne Flavias Chemie-Kenntnisse gemacht… Flavia nimmt sich vor, den Weihnachtsmann zu fangen (um zu beweisen, dass es ihn gibt!), doch inmitten der Vorbereitungen ihres Experimentes geschieht ein Mord auf Buckshaw! Da ihr Vater Buckshaw vorübergehend Filmleuten zur Verfügung gestellt hat, kommen viele Personen als Täter in Frage – Flavias kriminalistisches Geschick ist gefragt…!

Meine Meinung

Dieser Flavia-Roman ist anders als die drei vorherigen Bände… Toll ist er aber dennoch! Diesmal steht viel weniger der Mord im Vordergrund, als Flavia selbst – Alan Bradley zeigt sehr eindrücklich, wie sie sich entwickelt (z.B. in Bezug auf Antigone) und wie sich die Familienmitglieder de Luce untereinander arrangieren. Obwohl es mehrere witzige Wortgefechte und Streitereien zwischen Daffy, Feely und Flavia gibt, ist diesmal wirklich spürbar, dass die drei als Schwestern zusammengehören und das hat mir sehr gut gefallen. Und obwohl Haviland, Flavias Vater, kaum vorkommt, gebührt ihm doch die berührendste Stelle im ganzen Roman (aber darüber werde ich an dieser Stelle Stillschweigen bewahren, ich will ja nichts verraten!). Insgesamt geht Alan Bradley diesmal also insbesondere bezüglich der Familie in die Tiefe.

Der vierte Band der Flavia-Reihe ist sehr atmosphärisch; das verschneite Buckshaw, die Filmleute und die Weihnachtsstimmung… Für mich passt das Buch perfekt in die Vorweihnachtszeit :-)

Der Mord war diesmal etwas weniger spektakulär (die Motive waren leicht zu durchschauen und auch, wer das Opfer ermordet hat – obwohl durchaus mehrere Figuren in Frage kamen), dafür war Flavias Art und Weise, den Fall aufzuklären, umso brisanter; an dieser Stelle darf schon verraten werden, dass sie sich (eher ungewollt) durch ihre Ermittlungen selbst in größte Gefahr bringt.

Bradleys Schreibstil ist – wie immer – sehr angenehm und oftmals sehr humorvoll. Ich habe jedenfalls sehr viel gelacht und das Buch sehr schnell ausgelesen.

Fazit

“Vorhang auf für eine Leiche” ist ein wieder rundum gelungener Flavia de Luce Roman, der wunderbar in die Vorweihnachtszeit passt. In diesem vierten Teil der Flavia-Reihe liegt der Fokus insbesondere auf Flavia selbst (und auf ihrer Familie) und etwas weniger auf dem Mord, der sich auf Buckshaw ereignet – das tut der Spannung des Romans aber keinen Abbruch. Wie immer gibt es neben gefühlvollen und spannenden Momenten auch jede Menge zu lachen und Flavia entwickelt sich diesmal spürbar weiter.

Autor: Alan Bradley | Titel:  Flavia de Luce – Vorhang auf für eine Leiche (Flavia de Luce #4) | Originaltitel: I am Half-Sick of Shadows | Verlag: Penhaligon | Erscheinungsdatum: 22. Oktober 2012 | ISBN-10: 3764530987 | ISBN-13: 978-3764530983 | Seitenzahl: 320 | Ausgabe: gebundene Ausgabe| Preis: 19,99€ / 31,90 CHF | Genre: Krimi

Erin Morgenstern – Der Nachtzirkus

Autorin: Erin Morgenstern // Titel: Der Nachtzirkus // Originaltitel: The Nightcircus // Verlag: Ullstein Verlag // Erschienen: 15. März 2012  // ISBN-10: 3550088744 // ISBN-13978-3550088742 //  Seiten: 464 Seiten // Ausgabe: gebundene Ausgabe // Preis: 19,99 € / 29,90 CHF // Genre: Fantasy

Er taucht meist ohne Vorankündigung in irgendeiner Stadt auf und bietet seinen Besuchern ein nächtliches Spektakel: Der Cirque des Rêves. In schwarz und weiß präsentieren Akrobaten ihre Kunststücke, verzaubern Bühnenkünstler die Zuschauer, betören außergewöhnliche Attraktionen alle Sinne. Doch kaum jemand ahnt, welches Geheimnis der Nachtzirkus birgt und welchem Zweck er dient…

Meine Meinung

Erin Morgensterns “Der Nachtzirkus” ist ein Début-Roman, an dem sich wohl die Geister scheiden (werden): Man kann das Buch auf einmal herunterlesen, die Zeitsprünge vernachlässigen und sich einfach treiben lassen – oder ab, man liest intensiv, man genießt die Lektüre und entdeckt die vielen Nuancen zwischen den Zeilen.

Auf den ersten Blick lebt der Roman inbesondere von seiner bezaubernden Rahmenhandlung: Erin Morgenstern lockt den Leser mit wunderbaren Einfällen wie Wunschbäumen und Eisgärten und entführt ihn in eine Welt, in der nichts ist, wie es scheint; in eine Welt der Manipulation und der Magie. Die Beschreibungen sind detailliert und erschaffen eine intensive Atmosphäre, die völlig in ihren Bann zieht.

Die eigentliche Handlung scheint hinter dem außergewöhnlichen Zirkustreiben beinahe zurückzutreten – ja, beinahe… Denn alles, was im Zirkus geschieht, ist untrennbar mit der Geschichte der beiden Protagonisten Celia und Marco verbunden. Mögen sie auf den ersten Blick vielleicht als oberflächlich angelegt erscheinen, so offenbart sich in ihrem Einwirken auf den Zirkus doch ihr ganzer Facettenreichtum. Anders verhält es sich mit Poppet, Widget und Bailey, die eine außergewöhnliche Freundschaft verbindet, an der sie wachsen. Sie sind wie “offene Bücher”. Viele der anderen – oftmals liebevoll skurril angelegten – Figuren erscheinen blass, doch liest man zwischen den Zeilen, hat (beinahe) jede von ihnen ihre eigene Geschichte zu erzählen, die mal mehr (Isobel), mal weniger (Chandresh) interessant ist.

“Der Nachtzirkus” erzählt von Manipulation, Magie, erfüllter, unerfüllter und verbotener Liebe, von Ängsten und Verzweiflung, von Eifersucht, Aufstand und Freundschaft – und vom Geschichten Erzählen.

Durch die Zeitsprünge werden immer wieder Brüche in der Handlung geschaffen, durch die man als Leser gezwungen wird, intensiver über das bereits Geschehene nachzudenken. So, wie Celia und Marco im Zirkus manipulieren, manipuliert hier Erin Morgenstern ihre Leser, indem sie den Blick des Lesers immer wieder in eine andere Richtung lenkt, als erwartet.

Die einzige Kritik, die ich an dieser Stelle noch erwähnen möchte, ist der Schreibstil selbst, der mir persönlich nicht zugesagt hat: Zu häufig empfand ich Sätze als schlichtweg aneinandergreiht, zu häufig habe ich mich am verwendeten Tempus gestört. Dies fällt jedoch angesichts der vielen wunderbaren Ideen und der phantastischen Atmosphäre des Buches kaum ins Gewicht.

Fazit

“Der Nachtzirkus” von Erin Morgenstern gehört definitiv zu den besten Büchern, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Jenseits von althergebrachten (Fantasy-)Klischees erzählt Erin Morgenstern  eine Geschichte von großen Gefühlen, von Schicksalen und außer-gewöhnlichen Protagonisten – und das alles, ohne mit der Tür ins Haus zu fallen. Die Geschichte hat Zeit, um ihre Atmosphäre voll und ganz zu entfalten und wirkt doch nicht langweilig oder künstlich in die Länge gezogen.

Ian McEwan: Abbitte

Autor: McEWAN, Ian // Titel: Abbitte // Originaltitel: Atonement // Verlag: Diogenes  // Erschienen: April 2004 (18. Auflage) // ISBN-103257233809 // ISBN-13: 978-3257233803 // Seiten: 544 Seiten // Ausgabe: Taschenbuch // Preis: 12,90 € / 23,90 CHF // Genre: Drama,  historischer Roman

Es ist ein heißer Tag in diesem Sommer des Jahres 1935, an dem sich das Leben dreier Menschen für immer verändern wird; zerstört wird von einer Lüge…
Briony Tallis, das verhätschelte Nesthäkchen der Familie, das langsam in die Pubertät kommt und sich selbst für eine große Schriftstellerin hält, hat eine blühende Phantasie – und große Pläne. Diese werden jedoch von ihren Verwandten aus dem Norden durchkreuzt, die sich ihren Anweisungen keineswegs beugen wollen. Wütend, enttäuscht und frustriert versinkt sie in ihrer eigenen Welt und erkennt eine Bedrohung für ihre ältere Schwester Cecilia, wo keine ist. Unfähig, sich ihre Zweifel einzugestehen und ihre Aussagen zu revidieren, zerstört sie das Glück zweier Menschen, die sie liebt.

Meine Meinung

Abbitte ist ein ungewöhnliches Buch. Lächelt man als Leser anfangs noch über “die Heimsuchungen Arabellas”, die junge Schriftstellerin, die armen Zwillinge und die aufgeweckte Lola, die sich ihrer Weiblichkeit langsam bewusst wird, kaut man schon wenig später Fingernägel und wird allmählich nervös: Denn das Unheil frisst sich regelrecht in die kleine Idylle, die zunächst von kleinen, alltäglichen Problemen beherrscht wird. Schon bald verspürt man eine unangenehme Vorahnung – das Ausmaß der Katastrophe, die über Briony, ihre Schwester Cecilia und Robbie hereinbricht, offenbart sich jedoch nur quälend langsam; und nur so entfaltet sich vor den Augen des Lesers das Drama in all seinen Facetten.
Die Hauptfiguren, insbesondere Briony und Robbie, sind herausragend. Sehr detailliert schildert Ian McEwan die Gefühlswelt seiner Protagonisten. Dem ein oder anderen mag dies überflüssig oder gar langweilig erscheinen – meiner Meinung nach ist diese “Gefühlsstudie” spannend und trägt nicht unerheblich dazu bei, die Problematik des Buches noch zu verschärfen. Sehr berührend ist Briony, weil sie ihr Leben lang versucht, sich von ihrer Schuld zu befreien und letztendlich doch scheitert. Daran kann auch ihr Einsatz als Krankenschwester nichts ändern. Und auch ihre schriftstellerische Tätigkeit kann das, was passiert ist, nicht ungeschehen machen.
Was Robbie widerfährt ist einfach zutiefst tragisch und sein Umgang mit den Erlebnissen umso bewundernswerter: Es ist seine unerschütterliche Liebe zu Cecilia, die ihn so lange am Leben hält.
Überschattet wird das Drama zwischen den drei Figuren – im Übrigen zerbricht die gesamte Familie Tallis nach dem “Vorfall” – vom Zweiten Weltkrieg und dem Grauen, dem die Zivilisten ebenso ausgesetzt sind, wie die Soldaten. Hilflosigkeit angesichts einer Katastrophe ist ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht: Briony ist hilflos angesichts ihrer eigenen Schwäche und Schuld, Cecilia hilflos angesichts des Unrechts, welches Robbie angetan wird und Robbie hilflos angesichts des Krieges, der so viel Leid und Tod mit sich bringt. Den Eltern Tallis gelingt es nicht, sich aus ihren Denkmustern zu lösen und die Wahrheit zu akzeptieren – lieber verschließen sie die Augen. Lola gibt sich in ihrer Hilflosigkeit ausgerechnet dem Mann hin, der sie gebrochen hat. Auch der Leser bleibt hilflos zurück – denn “Abbitte” wartet nicht mit einem Ende auf, in dem sich alles zum Guten wendet. Bedrückend und beklemmend sind die letzten Seiten – und Abbitte ist ein Roman, den man, wenn man ihn denn gelesen und sich auf die ungewöhnlich tiefgängige Beschreibung der Gefühlswelten eingelassen hat, so schnell nicht vergessen wird.
Ian McEwan schreibt gewohnt wortgewaltig – sprachlich ist Abbitte ein Genuss.
In vielen Kritiken habe ich gelesen, die der Roman sei eine Qual wegen unnötiger Längen oder einfach zu langweilig. Dies kann ich von meiner Seite aus nicht bestätigen – freilich darf man von einem solchen Roman nicht den Spannungsbogen eines Psychothrillers erwarten oder eine leichte Lektüre, die einfach nur gut unterhält.

Fazit

Für mich ist “Abbitte” das bisher beste Buch, das ich von Ian McEwan gelesen habe (und seine anderen Bücher mag ich eigentlich auch recht gerne). Noch immer denke ich darüber nach, noch immer habe ich das Bedürfnis, mich mit Freunden darüber auszutauschen und ich denke nicht, dass dies so schnell nachlassen wird. Dafür hat mich “Abbitte” viel zu sehr berührt. Ich halte das Buch für ein Meisterwerk.

(Und nun würde ich mich so gerne bei meiner alten Deutschlehrerin, Frau W., bedanken, weil sie mich auf Ian McEwan gestoßen hat!)…

Es ist mir wirklich schwer gefallen, das Buch zu rezensieren, weil es mir so sehr unter die Haut gegangen ist. Verweisen möchte ich auf diese Rezension (FAZ), die meiner Meinung nach sehr gelungen ist.

Rick Yancey: Der Monstrumloge (#1)

Autor: YANCEY, Rick // Titel: Der Monstrumologe // Originaltitel: the monstrumologist // Verlag: Bastei Lübbe // Erschienen: 11. Oktober 2010 (2. Auflage) // ISBN-10378576040X // ISBN-13: 978-3785760406 // Seiten: 416 Seiten // Ausgabe: broschierte Ausgabe // Preis: 14,99 € / 24,90 CHF // Genre: Jugendbuch & YA, Abenteuer, Fantasy

Nachdem seine Eltern einem Brand zum Opfer fallen, wird Will Henry  Vollwaise. Der ehemalige Arbeitgeber seines Vaters, Dr. Warthrop, nimmt ihn auf – und in seiner Obhut wird Will Henry Zeuge von Dingen und Vorgängen, die seine schaurigsten Phantasien übersteigen; Denn Dr. Warthrop hat ein spezielles Fachgebiet: Er ist Monstrumologe…

Meine Meinung

Ich konnte den Monstrumologen nicht mehr aus der Hand legen!

Die Handlung ist in erster Linie spannend, ein wenig geheimnisvoll und überrascht durch unvorhergesehene Wendungen. Darüber hinaus ist das Buch sehr tiefsinnig – es geht um Moral und Humanität – erzählt auch von Familiendramen und Freundschaft. Obwohl der Monstrumologe im Grunde genommen sehr ernst ist, gibt es auch durchaus humoristische Passagen. Dies ist vor allen Dingen in den skurrilen Figuren begründet: Dr. Warthrop ist kauzig und schrullig, sehr speziell und hat unter seiner rauen Oberfläche einen wirklich weichen Kern. Will Henry hat in seinen jungen Jahren bereits viel durch gemacht – und obwohl dem Monstrumologen zunächst nichts an ihm zu liegen scheint, ist Will ihm loyal ergeben. Doch Will ist keineswegs ein Schoßhündchen, das seinem Herrn hinterherläuft, egal, was passiert: Er wächst über sich selbst hinaus, als es zu einem Streit zwischen ihm und Dr. Warthrop kommt – und er überwindet immer wieder sich selbst und seine Ängste. Die restlichen Figuren stehen nicht im Fokus der Handlung, bleiben aber dennoch im Gedächtnis: Da ist Malachi, der seine Familie rächen will, der herzlose Jeremiah Starr mit seiner Angestellten – der alten Vettel -, der psychopathische Kearns, der Verwirrung stiftet, nur sich selbst treu ist und Spaß am Töten hat und Wachtmeister Morgan, der immer wieder für ethische Grundsätze eintritt.
Die Geschichte ist geschickt konstruiert: Sie wird in eine weitere Geschichte eingebettet, die sowohl am Anfang als auch am Ende Fragen aufwirft, kleine Details fügen sich zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen und die sparsamen Rückblenden offenbaren neue Perspektiven auf das Geschehen.
Sprachlich ist der Monstrumologe gut gelungen: abwechslungsreich, bildhaftund auf einem angenehmen Niveau. Das Buch ist zusätzlich wunderschön illustriert (und offen gestanden hätte ich so gerne noch mehr Bilder gesehen…!).

Fazit

Der Monstrumologe hat mich in jeder Hinsicht überzeugt: Sprachlich und stilistisch war das Buch absolut mein Fall, die Figuren und die Handlung haben mir sehr gut gefallen.


Tabitha Suzuma – forbidden

Autor: SUZUMA, Tabitha// Titel: forbidden // Originaltitel: forbidden // Verlag: Oetinger Verlag // Erschienen: August 2011 // ISBN-10: 3789147443 // ISBN-13: 978-3789147449 // Seiten: 448 Seiten // Ausgabe: gebundene Ausgabe// Preis: 17,95 € / 28,90 CHF // Genre: Jugendbuch, Young Adult, (Familien-)Drama

Maya und Lochan sind beste Freunde. Sie teilen einfach alles miteinander – und zusammen überwinden sie die Hürden, die in ihrem noch jungen Leben auf sie warten. Sie sind ein starkes Team, sie geben sich gegenseitig Halt, weil sonst niemand da ist… Und es kommt, wie es kommen muss: Sie verlieben sich ineinander.

Die Sache hat nur einen Haken. Maya und Lochan sind Geschwister.

Meine Meinung

Es ist nun schon eine Woche her, dass ich forbidden gelesen habe und ich bin immernoch erschüttert. Ich bin nicht erschüttert angesichts der Tatsache, dass sich in diesem Buch Geschwister ineinander verlieben – sondern erschüttert angesichts der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, der sich insbesondere Lochan in diesem Buch immer wieder gegenüber sieht. Ich bin erschüttert, wenn ich daran denke, wie eine Schwester ihren Bruder verraten soll, um sich selbst zu schützen. Ich bin erschüttert über einen jüngeren Bruder, der einen schweren Fehler begeht und nicht mehr die Chance haben wird, ihn rückgängig zu machen. Ich bin erschüttert über Eltern, denen ihre Kinder völlig egal sind – solange sie unauffällig bleiben.

Tabitha Suzuma hat hier eine wirklich wunderschöne Liebesgeschichte geschrieben, die nur tragisch enden kann – und ein Familiendrama, das noch lange nachklingt. 

Die ganze Rahmenhandlung an sich bietet schon genug Stoff für ein Buch: Maya und Lochan müssen sich um ihre jüngeren Geschwister kümmern, weil ihre Mutter sich nicht um sie schert, ihren Kummer in Alkohol ertränkt und ihr Vater die Famillie vor langer Zeit verlassen hat. Aufgeben ist keine Option – denn die Geschwister haben nur noch sich selbst und sonst niemanden. Lochan und Maya müssen stets über sich selbst hinauswachsen und insbesondere Lochan hat so schon mehr als genug Probleme. Beide sind hoffnungelos überfordert, überlastet und einfach viel zu jung, um eine so große Verantwortung zu tragen.
Kit, der gerade mitten in der Pubertät steckt – und es auch nicht einfach hat! – macht den beiden zusätzliche Probleme. Maya und Lochan müssen sich gegenseitig Trost spenden, um nicht unterzugehen…

Das Buch liest sich gut, die Figuren sind sauber ausgearbeitet und obwohl man ja fast schon das tragische Ende ahnt, überrascht Tabitha Suzuma doch das ein oder andere Mal noch mit einer unerwarteten Wendung.

Ich habe geweint. Und ich werde das Buch mit Sicherheit noch einmal lesen.

Fazit

forbidden ist ein Buch, das tief unter die Haut geht. So tief, dass es auch nach der Lektüre noch beschäftigt…

Alan Bradley – Halunken, Tod & Teufel (Flavia de Luce, Bd. 3)

Autor: BRADLEY, Alan // Titel: Flavia de Luce – Halunken, Tod & Teufel // Originaltitel: A red Herring without Mustard // VerlagPenhaligon Verlag // Erschienen: 24. Oktober 2011 // ISBN-10: 376453026X // ISBN-13: 978-3764530266 // Seiten: 352 Seiten // Ausgabe: gebundene Ausgabe// Preis: 19,99 € // Genre: Kriminalroman, Kinder- und Jugendbuch, Abenteuer

Als Flavia auf dem Jahrmarkt von Bishop’s Lacey versehentlich das Zelt einer Wahrsagerin in Brand steckt und die arme alte Frau daraufhin mit nach Buckshaw nimmt, ahnt sie nicht, welche Ereignisse sie mit ihrem Handeln in Gang setzt…
Mit viel Geschick, Interesse an Chemie und einem unstillbaren Wissensdurst versucht Flavia, die Geschehnisse aufzuklären – und wird dabei tatkräftig behindert… Von Daphne und Ophelia, von ihrem Vater und natürlich von Hewitt, der ihr Talent wie immer nicht völlig anerkennen möchte.

Meine Meinung

Endlich hat das Warten ein Ende! Flavia de Luce hat einen neuen Fall zu lösen! Während der zweite Band der Reihe (Mord ist kein Kinderspiel) mich nicht völlig überzeugen konnte, hat mich der dritte Band von Anfang an gefesselt.
In nahezu typischer “Flavia-Manier” bringt die junge Protagonistin sich und andere in Schwierigkeiten – und setzt dann alles daran, um die Dinge wieder gerade zu biegen. Flavia hat mir diesmal außerordentlich gut gefallen, weil sie jenseits von Neugier, Wissensdurst und ihrer Liebe zur Chemie diesmal auch eine ganz andere Seite gezeigt hat: Sie sorgte sich, hatte das ein oder andere Mal wirkliche Schuldgefühle und kümmerte sich um andere (wenn auch nicht ohne Hintergedanken). Trotzdem ist sie irgendwie noch ganz “die Alte” geblieben – Chemie ist ihr Leben, sie ist charmant, witzig und neunmalklug. Flavia ist eine  ungewöhnliche Protagonistin, die Miss Marple in nichts nachsteht. Flavia macht einfach Spaß! Natürlich kommt auch die Rache an Feely und Daffy nicht zu kurz – der Streich, den sie sich für Feely ausgedacht hat (und deren Reaktion) hat mich ebenso herzlich zum Lachen gebracht, wie Flavias giftige Kommentare.
Sehr gut hat mir diesmal auch Colonel Haviland de Luce, Flavias Vater gefallen. Eigentlich war er ja auch im ersten und zweiten Band sehr präsent, doch diesmal habe ich ihn als Leser ganz anders erlebt, als zuvor. Er hat plötzlich eine wirklich väterliche, besorgte und liebenswerte Seite gezeigt.
Von Mrs Mullet (auch Mrs M genannt) und Dogger gab es indes nicht wirklich viel Neues, dafür erfuhr der Leser etwas mehr über Harriet de Luce und Flavias Familiengeschichte.
Fenella und Porcelain Lee sind ebenso skurrile wie sympathische Figuren und vielleicht erfährt man ja zumindest von Porcelain im nächsten Band etwas mehr.
Insgesamt hat es Alan Bradley mal wieder geschafft, eine schrullige und zugleich witzige, bedrohliche und spannende Atmosphäre zu zaubern!
Wie immer liest sich der Roman dabei flüssig und überzeugt durch tolle Metaphern und stimmungsvolle Beschreibungen. Die Handlung ist spannend und wie immer nicht völlig vorhersehbar, sondern mit kleinen falschen Fährten versehen, über die man sich den Kopf zerbricht.

Fazit

Wieder einmal ein rundum gelungener Flavia de Luce Roman, den man einfach gelesen haben muss, wenn man Miss Marple oder Hercule Poirot mag, sich für Chemie interessiert oder einfach nur einen außerordentlich schön geschriebenen, intelligenten Krimi genießen möchte! “Halunken, Tod & Teufel” steht “Mord im Gurkenbeet” in nichts nach und übertrifft – meiner Meinung nach – “Mord ist kein Kinderspiel” um Längen!
Jetzt heißt es wohl wieder: 1 Jahr warten,  bis es endlich weitergeht.

Felix zu Löwenstein – Food Crash: Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr.

Autor: zu LÖWENSTEIN, Felix // Titel: Food Crash – Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr // Originaltitel: – // Verlag: Pattloch (Verlagsgruppe Droemer Knaur) // Erschienen: 12. September 2011 // ISBN-10: 3629023002 // ISBN-13: 978-3629023001 // Seiten: 320 Seiten // Ausgabe: Taschenbuch // Preis: 14,95 € // Genre: “Sachbuch”, Diskussionsbeitrag

Felix zu Löwenstein studierte Agrarwissenschaft (und promovierte 1982 erfolgreich) und ist seit den 1990er Jahren Biolandwirt. Er vertritt als Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) die Interessen der deutschen Bio-Landwirtschaft politisch, ist im Vorstand des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) – und er hat eine Menge zu sagen:

Er möchte sein Buch “Food Crash” nicht als wissenschaftliche Abhandlung, sondern als Diskussionsbeitrag verstanden wissen. Und dieser Diskussionsbeitrag hat mir persönlich viele Dinge offenbart, die ich vorher nicht in ihrem ganzen Ausmaß begriffen habe. Ich habe zum Beispiel nie darüber nachgedacht, dass “Biosprit” in irgendeiner Art und Weise schlecht sein könnte – eher im Gegenteil. Monokulturen, die Ackerland beschädigen und Tieren ihren Lebensraum nehmen, kamen mir gar nicht in den Sinn.
Felix zu Löwenstein spricht so viele Aspekte an: Krieg, Politik, Misswirtschaft, Missverständnisse, Treibhausgase, Überfischung, Massentierhaltung, Gentechnik – und vor allen Dingen, wie dies alles mit der Ernährungssituation weltweit zusammenhängt. Das macht sein Buch sehr komplex. Trotzdem ist seine Argumentation auch für einen Laien gut nachvollziehbar. Jeder Aspekt, den er aufzeigt, jedes Argument, das er vorbringt, ist verständlich und einleuchtend.
Ich habe noch nie über die “Nachhaltigkeit” von Landwirtschaft nachgedacht – denn mir war nicht klar, wie viel Pflege eine Anbaufläche benötigt und wie wichtig ist es, ein ökologisches Gleichgewicht herbeizuführen, um den Boden fruchtbar zu halten. Anbaufläche ist wertvoll! Das habe ich begriffen. Sie ist so wertvoll, dass sie geschützt werden muss. Als natürliche Ressource, die bei falscher Behandlung irgendwann aus ihrem Gleichgewicht gerät und verloren geht, muss sie mit Nachhaltigkeit bestellt werden. Das kommt allen zu Gute – den Tieren, den Menschen, der Natur.
Löwenstein gibt in seinem Buch nicht gut gemeinte Ratschläge; Anhand von Beispielen zeigt er, wo und in welchem Rahmen eine “intensivierte” ökologische Anbauweise bereits Erfolg hat und wie sie umsetzbar ist. Er gibt einen Anhaltspunkt, welche Rahmenbedingungen sich ändern müssten, damit eine ökologische Landwirtschaft im “großen Stil” ermöglicht – eine konventionelle Landwirtschaft mit ihren schädlichen Folgen eingedämmt – wird. Zu Recht gibt er an, dass es unmöglich ist zu sagen, ob die ökologische Landwirtschaft einen Ertrag erbringen wird, der auch in Zukunft groß genug ist, um die Menschen weltweit zu ernähren – aber sie ist eine Chance und das ist der springende Punkt. Eine nachhaltige, ökologische Landwirtschaft schont die natürlichen Ressourcen, erzielt ebenfalls hohe Erträge, wenn sie richtig angewendet wird und trägt dazu bei, die Vielfalt in Flora und Fauna zu erhalten.

Jeder von uns kann dazu beitragen, etwas an diesen Rahmenbedingungen zu verändern. Ich habe mir vorgenommen, wirklich  nur noch so viele Lebensmittel zu kaufen, wie ich auch verbrauche (was mit einer Essstörung zugegebenermaßen etwas schwierig ist, aber ich will es wirklich versuchen!) und deutlich weniger Fleisch zu essen.

Das Buch ist in jedem Fall lesenswert (und ich werde es heute Abend auch direkt an meinen Freund weiterreichen) – aber mit Lesen alleine ist es nicht getan. Nach- und Umdenken ist wichtig; Und vor allen Dingen müssen wir handeln. Jeder einzelne von uns.