Antonia Michaelis: Der Märchenerzähler

Antonia Michaelis erzählt in “Der Märchenerzähler” die Geschichte dreier Menschen: Anna, ein junges Mädchen aus wohlbehüteten Verhältnissen, Abel, einem Drogendealer und Sonderling und Micha, Abels kleiner Schwester.
Seitdem Michas und Abels Mutter verschwunden ist, sind die beiden auf sich allein gestellt und nur mit großer Hartnäckigkeit gelingt es Anna, zu Abel vorzudringen. Der erzählt der kleinen Micha und Anna Märchen, in denen Anna immer wieder die Realität zu erkennen glaubt. Täuscht sie sich? Oder steckt hinter Abels Märchen eine grausame Wahrheit, die sie nicht sehen will? …

Meine Meinung

Ich kann meine Meinung zu diesem Buch nicht ausdrücken, ohne hier und da wesentliche inhaltliche Elemente preiszugeben. Wer die Rezension dennoch gesamt lesen möchte, muss des nachfolgenden Textes mit der Maus markieren, damit er komplett sichtbar wird.

Was habe ich eigentlich erwartet? Ich habe erwartet, dass “Der Märchenerzähler” kein einfaches Buch ist. “Die Worte der weißen Königin” spukt mir heute noch ab und an im Kopf herum. Ich hatte Recht mit dieser Erwartung: “Der Märchenerzähler” ist ein sehr, sehr schwieriges Buch. Antonia Michaelis erzählt von Liebe, grenzenloser, vielleicht sogar psychopathischer Liebe – von Liebe zwischen zwei Teenagern, von Liebe zwischen einem großen Bruder und seiner kleiner Schwester… Sie erzählt von einer Freundschaft, die auch dann noch Bestand hat, als es kriselt. Sie erzählt von unerfüllten Hoffnungen, von furchtbaren Enttäuschungen, von Existenzängsten. Sie erzählt von vielen schlimmen Dingen; Sie erzählt von Kindesmissbrauch, von Vergewaltigung, von Prostitution, von Prügeleien, von Drogen, von Mord. Sie erzählt von endloser Verzweiflung, vom Scheitern am eigenen Leben, von tiefen, tiefen Abgründen.

Anna ist fernab dieser dunklen Seiten der menschlichen Existenz aufgewachsen, als wohlbehütetes Einzelkind einer Unidozentin und eines Arztes. Zum Entsetzen ihrer besten Freundin Gitta verliebt sie sich ausgerechnet in Abel, den “polnischen Kurzwarenhändler”, der an der Schule Drogen vertickt und sein Abi ohne Zweifel in den Sand setzen wird, weil er so oft die Schule schwänzt. In Abel, der “White Noise” hört, der sich unnahbar gibt, der ihr mehr als einmal unsanft zu verstehen gibt, dass sie sich nicht in seine Belange einmischen soll – und in Abel, der eine ganz, ganz andere Seite hat, wenn er mit seiner kleinen Schwester Micha zusammen ist. Die gemeinsame Mutter ist verschwunden und Abel lebt mit ihr alleine, krampfhaft darum bemüht, dass alles seinen normalen Gang geht – auch ohne Mutter.

Er sorgt für Micha wie ein Vater und seine größte Angst ist es, dass das Jugendamt ihm Micha wegnehmen könnte, weil er noch nicht volljährig und somit laut Gesetz gar nicht dazu in der Lage ist, die alleinige Verantwortung für seine kleine Schwester zu übernehmen. So versucht er, möglichst jeden von der kleinen Wohnung in der Plattenbausiedlung fernzuhalten – Anna inbegriffen. Doch Anna lässt sich nicht so leicht abwimmeln und schon bald dringt sie bis zu Abel vor und nimmt Teil an seinem Leben mit Micha – und an Abels Märchen über die kleine Klippenprinzessin.

Schon bald erkennt Anna hinter seinen Schilderungen ein Muster; die Märchenfiguren entsprechen Menschen, die sie kennt und die Handlung ist eng mit der Realität verbunden. Als Personen ermordet werden, mit denen Abel in einer schwierigen Beziehung steht, vermutet sie, dass er dahinter stecken könnte – doch ihm gelingt es zunächst, ihr diesen Gedanken auszureden.

Anna geht völlig auf in ihrer Verliebtheit und in ihrer (Für-Sorge) um Abel und Micha, bis sich die Puzzleteile Stück für Stück zusammenfügen und sie an den Geschehnissen schließlich zerbricht.

Anna ist eine starke, eine sehr starke Figur. Sie lässt sich nicht von Abels Wutausbrüchen erschüttern, sie versucht hartnäckig, an ihn heranzukommen, sie liebt ihn so sehr, dass sie ihm sogar das Unverzeihliche verzeiht: Sie verzeiht ihm, dass er sie vergewaltigt – und sie verzeiht ihm die Morde, die er begangen hat. Dass sie ihm die Vergewaltigung so schnell verzeiht, hat bei mir ein ungutes Gefühl zurückgelassen – doch es ist, wie es ist: Jedes Opfer muss für sich entscheiden, wie es mit den Erlebnissen umgeht und Antonia Michaelis hat entschieden, Anna nicht an diesem “Vorfall” zerbrechen zu lassen und nach einer kurzen Bedenkzeit trotzdem zu Abel zu stehen.

Abel ist nicht (mehr) so stark wie Anna; er ist vor allen Dingen verzweifelt, was angesichts seiner Geschichte auch nicht verwundert. Immer verantwortlich für die kleine Schwester, von der stets zugedröhnten Mutter alleine gelassen (auch im endgültigen Sinne…), vom Stiefvater missbraucht, abgerutscht in die Prostitution versucht er, mit sich und seinem Leben zurecht zu kommen. Micha braucht ihn – doch er braucht auch Micha, um nicht völlig abzurutschen. Aus der schier übermenschlichen Angst heraus, dass jemand Micha etwas antun, oder sie ihm wegnehmen könnte, mordet er schließlich… Als die Polizei ihn verhaften möchte, ist er es schließlich, der ein Urteil fällt: Er erschießt sich und richtet damit über sich selbst, über die Dinge, die er getan hat.

Doch es gibt nicht nur Anna, Micha und Abel in “Der Märchenerzähler”: Da ist auch noch Gitta, die zu Anna hält und für Anna da ist, obwohl sich die Freundinnen entfremdet zu haben scheinen; da ist Bertil, der immer und immer wieder zurückstecken muss, und Anna trotzdem nicht im Stich lässt. Da ist der Deutschlehrer, der aus Menschlichkeit immer wieder ein Auge zudrückt. Da sind Annas Eltern, die helfen wollen, aber nicht wissen wie…

Wer zwischen den Zeilen zu lesen vermag, entschlüsselt schnell, was im “Märchenerzähler” eigentlich geschieht – dennoch bleibt bis zum Schluss die Hoffnung, dass sich die Dinge auf andere Art und Weise ereignet haben.

Gewohnt wortgewaltig und mitreißend schildert Antonia Michaelis die Geschichte von Anna, Abel und Micha und lässt den Leser schließlich mit einem mulmigen Gefühl im Bauch zurück.

Fazit

“Der Märchenerzähler” ist erschütternd, traurig und wie erwartet ein Buch, das viel zum Nachdenken anregt. Antonia Michaelis gibt als Altersempfehlung 16 Jahre an, und ich denke, das ist auch angemessen. Ich möchte an dieser Stelle darauf verzichten, eine Wertung in Form von Sternen abzugeben.

Autor: Antonia Michaelis | Titel:  Der Märchenerzähler | Originaltitel: – | Verlag: Oetinger-VerlagErscheinungsdatum: Februar 2011 | ISBN-10: 3789142891 | ISBN-13: 978-3789142895 | Seitenzahl: 446 | Ausgabe: gebundene Ausgabe | Preis: 16,95 € bzw. 25,90 CHF | Genre: Jugendbuch, Junge Erwachsene, Drama, Krimi

Lucinda Riley: Das Orchideenhaus

Autorin: Lucinda Riley // Titel: Das Orchideenhaus // Originaltitel: Hothouse Flower // Verlag: Goldmann Verlag // Erschienen: 03. Mai 2011  // ISBN-10: 3442475546 // ISBN-13978-3442475544 //  Seiten: 544 Seiten // Ausgabe: Taschenbuch // Preis: 9,99 € / 15,90 CHF // Genre: Drama, Romantik

Nachdem ihr Leben in Frankreich eine grauenhafte Wende erfahren hat, kehrt die Starpianistin Julia Forrester in ihre Heimat England zurück. Dort erfährt sie von der bevorstehenden Versteigerung des herrschaftlichen Anwesens Wharton Park, in dem sie als Kind bei ihren Großeltern sehr viel Zeit verbracht hat. Im Zuge der Renovierungsarbeiten stößt der Erbe Wharton Parks, Kit Crawford, schließlich auf ein Tagebuch, welches ein brisantes Geheimnis offenbart…

Meine Meinung

Das Rhein-Main-Magazin ließ über Lucinda Rileys „Das Orchideenhaus“ verlauten: “Ein Roman voll Spannung und großer Gefühle.” (Quelle: amazon) Diesem Fazit kann ich mich nicht im Geringsten anschließen.

Einen wirklichen Spannungsbogen wies „Das Orchideenhaus“ nicht auf: Spannungsmomente werden derart künstlich in die Länge gezogen, bis man sich als Leser schon längst denken kann, was Sache ist, so z.B. in Bezug auf Julias schrecklichen Schicksalsschlag. Was genau passiert ist, erfährt man erst, nachdem man die Protagonistin hat leiden und alle anderen hat mitleiden sehen, doch ist die Geschichte so einfach gestrickt, dass die Enthüllung von Julias Vergangenheit kaum schockiert, Mitleid erregt oder irgendein anderes Gefühl hervorruft. Die Handlung ist in einem Maße vorhersehbar, dass die Geschichte einfach langweilig ist und bleibt – bei jeder neuen „Enthüllung“ hoffte ich, dass Lucinda Riley nicht noch ein „Drama“ , einen Schicksalsschlag oder ein Klischee draufsetzen würde, welches das Buch noch unrealistischer machen würde – und wurde enttäuscht. Das Spektrum reicht über z.T. unglaubwürdige Affären, bis hin zur Rückkehr von längst tot geglaubten Personen usw. … Damit will ich jedoch nicht sagen, dass die Handlung besonders eingängig ist – eher im Gegenteil. Sie ist dermaßen übertrieben melodramatisch, dass sie stellenweise nahezu absurd wirkt.

Auch die Protagonisten können das Ruder nicht herumreißen. Julia blieb mir von der ersten bis zur letzten Seite unsympathisch, Kit fremd und ihre Annäherung völlig unbegreiflich. Man stelle sich zwei Personen vor, die einen schweren Schicksalsschlag erlitten haben, dann aber ohne Hintergedanken sofort Vertrauen zueinander fassen und schon nach wenigen Tagen so miteinander umgehen, als wären sie seit Jahrzehnten verheiratet (Stichwort: Krankenpflege)? Von der erwarteten Romantik und den angepriesenen „großen Gefühlen“ konnte ich in dieser Beziehung wirklich nichts entdecken.
Nicht einmal Julias Großeltern, die ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt des Romans sind, werden glaubwürdig dargestellt: Sie sind derart überzogen loyal, dass sie sich angesichts der – unglaublichen – Forderung ihres „Herrn“ nicht einmal streiten, ja nicht einmal ernsthaft darüber diskutieren.
Der einzige Lichtblick unter den Protagonisten ist Olivia, die aufgrund ihrer Naivität zumindest teilweise als überzeugende Figur gezeichnet wird. Ihre Geschichte ist es auch, die das Buch wenigstens noch ansatzweise lesenswert macht, da sie als einzige Figur nicht völlig übertrieben wirkt, sondern menschlich und normal.

Sprachlich bietet „Das Orchideenhaus“ auch keine Highlights; der Schreibstil ist zwar solide, doch die andauernden Wiederholungen lassen ihn eintönig und langweilig wirken. Und irgendwie auch unrealistisch, da alle Protagonisten gleich „klingen“. Das Wort „Liebes“ hat mich nach der Lektüre auch noch ein paar Tage verfolgt…

Zu dieser Mischung gesellen sich dann auch noch Logikfehler (über die ich hier aber nichts verraten kann, ohne zu verraten, was das „große Geheimnis“ des Buches ist).

Fazit

Lucinda Rileys „Das Orchideenhaus“ hat mich absolut nicht überzeugen können. Ich habe das Buch zu Ende gelesen, immer hoffend, dass die Autorin die eingeschlagene Richtung vielleicht noch einmal ändert und wurde mit einem abstrusen Ende belohnt, das eigentlich nur die letzte Konsequenz der vorangehenden, oft unrealistischen Handlung war. Zur unglaubwürdigen Handlung tragen neben Logikfehlern auch die häufig unrealistisch (übertrieben) gezeichneten Figuren bei. Das Einzige, was mir an „Das Orchideenhaus“ gefallen hat, war die Handlung um Olivia.


Iny Lorentz – Die Wanderhure

Autor: Iny Lorentz // Titel: Die Wanderhure // Originaltitel: – // Verlag: Knaur // Erschienen: 1. April 2005 // ISBN -10: 3426629348 // ISBN-13: 978-3426629345 // Seiten: 607 Seiten  // Ausgabe: Taschenbuch // Preis: 9,95 € / 16,90 CHF  // Genre: Drama, historischer Roman

Die junge Bürgerstochter Marie wird Opfer einer Intrige und muss ihren Lebensunterhalt fortan als Wanderhure bestreiten, da sie des Landes verwiesen wird. Ihr Schicksal erträgt sie einzig und alleine, weil sie den Gedanken daran, sich eines Tages an ihren Peinigern rächen zu können, nicht aufgibt – und weil ihre treue Gefährtin Hiltrud ihr nicht von der Seite weicht…

Meine Meinung

Als ich auf der Rückseite des Buches die nachfolgenden Wort las, wurde mir bereits Angst und Bange – dennoch wollte ich es mit “Der Wanderhure” versuchen, legen mir doch schon seit Jahren Freunde und Bekannte nahe, es einmal mit einem Buch vom Autorengespann “Iny Lorentz” zu versuchen:

“Die grausame Welt des Mittelalters und der Kampf einer Frau um ihr persönliches Glück”

- so wird das Buch also vom Verlag beworben. Mir rollten sich bereits bei diesem Satz die Zehennägel auf, verhieß er doch die Aussicht darauf, einmal mehr mit Figuren konfrontiert zu werden, die “für ihre Zeit” in besonderem Maße “aufgeklärt”, “rebellisch”, “stark”, “intelligent” o.ä. sind. Zumindest in dieser Hinsicht hielt das Buch, was der Klappentext versprach (und hat damit vermutlich auch vollkommen den Nerv der angestrebten Klientel getroffen).
Marie, die Hauptfigur, ist nicht nur auffallend hübsch (“madonnenhaft”) – so, dass (fast) jeder Mann sie sexuell anziehend findet – sondern darüber hinaus auch sehr intelligent, sehr rebellisch (riskiert sie doch vor mächtigen Personen ein loses Mundwerk) und auch sehr stark, denn sie erträgt die Widrigkeiten ihres Lebens, immer von dem Wunsch beseelt, sich eines Tages an ihren Peinigern zu rächen. Vor allen Dingen aber ist sie sehr modern und aufgeklärt und bereits hier offenbart sich eine – für mich – frappante Schwäche des Romans: Die Autoren haben eine neuzeitliche Figur geschaffen und diese in ein – ihrer Meinung nach – mittelalterliches Setting eingebaut.
Das Duo zeichnet ein Mittelalterbild (“die grausame Welt des Mittelalters”), welches ich  als unpassend und unangebracht empfinde. Das Buch scheint nicht besonders gut recherchiert zu sein, was an sich nicht so schlimm ist – doch passen die Figuren, ihre Handlungen etc. meiner Meinung nach keinesfalls in ein “grausames Mittelalter”.
Intrigen gab und gibt es zu jeder Zeit – nicht nur im Mittelalter. Nicht jeder Söldner war ein Vergewaltiger. Nicht jede Frau wurde zwangsläufig ein Vergewaltigungsopfer, nur, weil sie sich einen Meter vor die Stadtmauern wagte. Nicht hinter (nahezu) jedem der männlichen Geschöpfe, welche auf dieser Erde wandeln, verbergen sich gierige, wüste Lüstlinge, die sich das, was sie wollen, notfalls mit Gewalt nehmen – dies gilt für heute ebenso wie für die Zeit um 1400.
Der Roman von Iny Lorentz verkommt zu einem Sumpf aus Vergewaltigung, derben Scherzen und Intrigen und zeichnet ein Abziehbild des Mittelalters, wie es sich viele Menschen wohl vorstellen: Es gibt viel Dreck, Vergewaltigungen und andere Grausamkeiten sind an ebenso an der Tagesordnung (ohne entsprechend geahndet zu werden) wie Hurerei, Trinkgelage und Intrigen. Für mich ist das kein besonders “authentisches” Bild des Mittelalters, sondern ein Bild, das Klischees ebenso bedient, wie das Verlangen, eine möglichst dramatische Geschichte erzählt zu bekommen.
Es ist jedoch nicht einzig und allein diese teils falsche Vorstellung des Mittelalters, die mich stört. Es handelt sich ja schließlich um einen Roman und in einem Roman ist (fast) alles erlaubt – da das Paar Lorentz jedoch immer wieder als “die” Autoren für deutsche historische Romane angepriesen werden, hat mich dieses platte Mittelalter- und Menschenbild doch schon sehr verwundert und auch enttäuscht.
Ebenfalls enttäuscht haben mich die meisten Figuren: Marie habe ich ja bereits beschrieben, muss aber noch hinzufügen, dass zumindest sie mir recht sympathisch war. Ebenso Hiltrud, die zwar keine nennenswerte Entwicklung durchmacht, aber einfach eine sehr liebevoll gezeichnete Figur ist. Aber was ist mit dem Rest? Michel wäre sicherlich interessant gewesen, hätte man bloß mehr über ihn erfahren. Aus Ruppert hätte man eindeutig mehr machen können: Ein Fiesling wird doch viel interessanter, wenn er auch noch ganz andere Seiten hat… Berta hätte für viel größere Reibereien sorgen können.
Die Figuren bleiben größtenteils starr, vorhersehbar und entwickeln sich kaum; darüber hinaus sind viele von ihnen sehr schwarz-weiß gezeichnet: die “guten” Figuren sind meist in irgendeiner Art und Weise reinlich und hübsch, die “schlechten” hingegen oft hässlich und/oder ungepflegt. Noch dazu wirken sie alle sehr anachronistisch.
Die Handlung war immerhin nicht ganz so vorhersehbar, wie ich befürchtet habe (auch, wenn das Ende von Anfang an klar war). Ab und an handelten vor allem Nebenfiguren etwas anders, als ich es erwartet habe. Die Intrigen waren relativ gut durchdacht und auch ganz interessant, allerdings kam für meinen Geschmack doch etwas oft Meister Zufall zur Hilfe. Hin und wieder gab es Passagen, die mir als unnötig erschienen (Stichwort: Söldner – eigentlich hatte diese ganze Szenerie ja keine Auswirkung auf die Handlung). Darüber  hinaus lässt das Buch stellenweise (historische) Plausibilität vermissen: Was ist mit Geschlechtskrankheiten (es wäre ja schön, wenn eine Prostituierte sich durch die Auswahl ihrer Freier und eine gewisse Sauberkeit davor schützen könnte…)? Warum sollte sich ein Kaufmann und angesehener Bürger geehrt fühlen, wenn der Bastard ( ! ) eines Grafen seine Tochter heiraten möchte?
Das Buch ließ sich gut lesen; der Schreibstil war nicht überragend, aber ich habe schon viel, viel schlechter geschriebene Bücher vor mir gehabt (es soll jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass die ein oder andere sprachliche Verfehlung auch in “Die Wanderhure” zu finden ist, so z.B. der Vergleich zwischen Brüsten und saftigen/reifen “Herbstäpfeln”…).
Insgesamt bin ich sehr enttäuscht, weil ich nach den vielen Lobeshymnen, Empfehlungen und auch nach den ersten rund 100 Seiten deutlich mehr erwartet habe.

Fazit

Für mich war die Lektüre von “Die Wanderhure” enttäuschend: Ein klischeehaftes Mittelalterbild, eine merkwürdige Sichtweise auf Männer, eindimensionale Figuren und fehlende Plausibilität konnten für mich nicht durch eine einigermaßen sympathische Protagonistin und eine prinzipiell recht gut durchdachte Intrige aufgewogen werden.

“Die Wanderhure” ist der Auftakt zu einer Romanreihe. Außerdem erschienen sind bisher:

Die Kastellanin, 2005
Das Vermächtnis der Wanderhure, 2006
Die Tochter der Wanderhure, 2008
Töchter der Sünde, 2011

Manfred Gregor – Die Brücke

Autor: Manfred Gregor // Titel: Die Brücke // Originaltitel: – // Verlag: cbt // Erschienen: in der von mir gelesenen Ausgabe am 5. März 2007 // ISBN -10: 3570303616 // ISBN-13978-3570303610 // Seiten: 224 Seiten  // Ausgabe: Taschenbuch // Preis: 6,95 € / 11,90 CHF  // Genre: Jugendbuch, Drama, historischer Roman

2. Mai 1945

Nur wenige Tage vor der Kapitulation Deutschlands ziehen sieben junge Männer im Auftrag der Wehrmacht aus, um “Vaterland”, “Volk”, “Ehre” und den “Führer” im Krieg zu verteidigen. Was mit falschen Vorstellungen und dem strengen Kasernenalltag beginnt, wird bald ein blutiger Kampf ums Überleben, als die sieben eine – strategisch bedeutungslose – Brücke vor den anrückenden Amerikanern verteidigen sollen…

Meine Meinung

Manfred Gregors Roman “Die Brücke” – erstmals 1958 erschienen – ist, gemessen an Erich Maria Remarques “Im Westen nichts Neues” ein eher kleines, literarisches Licht. Möchte man auf den ersten Blick meinen. Wo Remarques Protagonisten voller Emotion handeln, sich fürchten, schreien, Krieg führen, sind Manfred Gregors Figuren hölzern, oberflächlich und wenig emotional.
Doch genau das ist, zumindest in meinen Augen, für diesen Roman auch notwendig. Als Leser fühlt man sich starr vor Entsetzen, wenn man sich ins Bewusstsein führt, dass diese jungen Männer gar keine Chance haben, “ausgedehnt” um ihre gefallenen Freunde zu trauern – es könnte sie ihr Leben kosten. Manfred Gregor zeigt seine Protagonisten fast ausschließlich im Gefecht (ein großer Unterschied zu Remarque) und wer hat im direkten Kampf schon Zeit, reflektiert über das nachzudenken, was er tut? Im Krieg heißt es einzig, zu überleben. Gedankenfetzen, Assoziationen und (angedeutete) Gefühle sind es, die der Leser von den Figuren zu fassen bekommt ~ und Erinnerungen in Form von Rückblenden.
Für einen Roman dieser Art, der ja wirklich (fast) nur von wenigen Stunden berichtet, finde ich keine Erzählform passender als diese.
Die alten Männer, welche die Brücke ebenfalls verteidigen sollen, suchen das Weite. Der fehlgeleitete Idealismus, eingebläut durch die Schule, die Hitlerjugend und Co., bringt die Jungen in Schwierigkeiten, da sie den Alten nicht folgen: Sie haben die Chance, zu fliehen, doch sie schlagen sie aus, weil ein General ihnen befohlen hat, die Brücke zu bewachen – und was zählt ihre Meinung schon gegen die des Generals? Sie sind ein Beispiel absoluten Gehorsams und verteidigen “ihre” Brücke bis zum bitteren Ende…
Und dieses Ende verdeutlicht noch einmal mehr, wie grausam der Krieg ins Bewusstsein derer drängt, die ihn miterleben müssen, wie sehr er Menschen verstört und wie erbarmungslos er seine Opfer fordert…

Fazit

“Die Brücke” ist ein beeindruckendes und erschreckendes Buch, das – zumindest “literarisch” betrachet – zwar nicht ganz an “Im Westen nichts Neues” herankommt, doch auf seine Art und Weise eindrücklich ist, auch über das Ende hinaus. Sehr aufschlussreich (und bewegend) ist auch das Nachwort des Autors.

“Die Brücke” wurde 1959 von Bernhard Wicki verfilmt (Trailer), 2008 versuchte sich ProSieben an einem (mehr oder weniger gelungenen) Remake (Trailer).

Antonia Michaelis – Die Worte der weissen Königin

Autor: Antonia Michaelis // Titel: Die Worte der weissen Königin // Originaltitel: – // Verlag: Oetinger // Erschienen: August 2011 // ISBN-10: 3789142913 // ISBN-13978-3789142918 // Seiten: 267 Seiten  // Ausgabe: gebundene Ausgabe // Preis: 14,95 € / 23,90 CHF  // Genre: Jugendbuch, Drama

Lion kann sich gar nicht mehr an seine Mutter erinnern – so früh hat sie ihn und seinen Vater verlassen; um nach Westdeutschland zu gehen. Was Lion bleibt, ist seine Vorstellungkraft, die täglichen Streifzüge am Meer mit seinem Vater und eine große Faszination, welche Seeadler auf ihn ausüben.
Mit fünf Jahren verändert sich sein Leben, als er auf “die weiße Königin” trifft, eine alte Dame, die in der Kirche Geschichten vorliest – und während er beginnt, auf die nächste Vorleserunde hinzufiebern, entfernt sich sein Vater immer mehr von ihm.
Als Lions Vater dann seine Arbeit verliert und seine Sorgen und Minderwertigkeitskomplexe im Alkohol ertränkt, hält “der schwarze König” in Lions zu Hause Einzug und er sieht keinen anderen Ausweg mehr, als zu flüchten – Hilfe bekommt er dabei von einem Seeadler, seinem treusten Freund…

Meine Meinung

Antonia Michaelis erzählt in “Die Worte der weissen Königin” eine Geschichte über einen kleinen Jungen, dessen Schicksal wohl leider viele andere kleine Jungen (und auch Mädchen) nicht nur in Deutschland teilen: Lion ist zutiefst traumatisiert, denn sein Vater prügelt ihn in seiner Wut und seinem Selbsthass beinahe zu Tode. Regelmässig. Und Lion hat nicht die Kraft, sich zu wehren – er wünscht sich einfach nur, dass sein Vater wiederkommt, der Vater, mit dem er als kleines Kind so glücklich war. Doch sein Vater begreift erst, was er getan hat, als es schon fast zu spät ist -
Lion nämlich ergreift die Flucht und versucht, die “weisse Königin” ausfindig zu machen, die alte Dame, die ihm und anderen Kindern in der Kirche vorgelesen hat und deren Worte Lion Trost, Kraft und Schutz geben ~ denn bei seinen verzweifelten Versuchen, die richtigen Worte zu finden, ist er gescheitert. Auch sein Vater scheitert – allerdings bei dem Versuch, sich das Leben zu nehmen, als er realisiert, was er getan hat.
“Die Worte der weissen Königin” ist ein Buch über eine sehr ungewöhnliche, wunderbare Freundschaft – zwischen Lion und seinem geliebten Seeadler, den er selbst gezähmt hat -, über Güte und Hilfsbereitschaft und darüber, dass Menschen sich vielleicht auch ändern können. Freiheit spielt ebenfalls eine Rolle – einfach davonfliegen zu können, wie ein Seeadler… Und schließlich erzählen “die Worte der weissen Königin” auch davon, verzeihen zu können…
Wortgewaltig berührt Antonia Michaelis den Leser, rührt zu Tränen und macht an ihrem eigenen Buch deutlich, wie tröstlich die richtigen Worte zur richtigen Zeit sein können.
Lion muss auf seinem Weg zur “weissen Königin” nicht nur mit seiner Angst und Verzweiflung umzugehen lernen, sondern auch mit Wut, Enttäuschung und Hass, symbolisiert in seiner (Phantasie-)Schwester. Mehr als einmal ist er zwiegespalten ob seiner (künftigen) Handlungen – und weiß nicht, wie er sich entscheiden soll.
Das Ende ist – zumindest meiner Meinung nach – noch immer etwas offen und hat mich zwei Nächte lang nicht schlafen lassen. Ich habe in mehreren Rezensionen gelesen, dass das Ende zu “einfach” wäre – dem kann ich mich gar nicht anschließen. Für mich hat das Ende etwas zutiefst beunruhigendes.

SPOILER (zum Lesen markieren)

Natürlich scheint nun alles in Ordnung zu sein – doch das Ende ist lediglich eine Momentaufnahme. Wer verspricht, dass wirklich alles wieder in Ordnung kommt? So viele Alkoholiker erleiden Rückfälle… Und es passiert so oft, dass der erste Schein trügt, dass sich beim nächsten tragischen Ereignis alles wieder ins Gegenteil verkehrt…
Für mich wäre ein “einfaches Ende” ein Ende gewesen, in dem Lion vielleicht als alter Mann davon berichtet, dass sein Vater nie wieder gewalttätig gegen ihn geworden ist. So aber bleibt bei mir das mulmige Gefühl, dass Lion dieser Hölle möglicherweise allzu schnell wieder ausgesetzt ist…

SPOILER ENDE

Fazit

“Die Worte der weissen Königin” ist ein beeindruckendes, einfühlsames Buch über einen kleinen Jungen, der seinem gewalttätigen Vater zu entkommen versucht und sich in die tröstende Kraft der Worte flüchtet. Zur Seite steht ihm “sein” Seeadler – sein einziger Freund – bis zum Schluss. Es ist schwierig für mich, in Worte zu fassen, was dieses Buch bei mir ausgelöst hat; es hat mich zutiefst berührt.

Sara Gruen – Wasser für die Elefanten

Autor: GRUEN, Sara // Titel: Wasser für die Elefanten // Originaltitel: Water for Elephants // Verlag: Rowohlt // Erschienen: 1. April 2011 (8. Auflage, Buch zum Film) // ISBN-103499256029 // ISBN-13978-3499256028 // Seiten: 416 Seiten // Ausgabe: Taschenbuch // Preis: 8,99 € / 13,90 CHF // Genre: Historischer Roman, Liebesroman, Drama

Jacob Jankowski hat ein gutes Leben, bis das Schicksal eines Tages erbarmungslos
zuschlägt: Seine Eltern kommen bei einem Autounfall ums Leben. Er verliert nicht
nur seine Familie, sondern sein zu Hause, bringt es nicht über sich, sein Studium zu beenden und gibt alles auf, was er sich erarbeitet hat.
Eines Nachts springt er auf einen fahrenden Zug und macht dort Bekanntschaft mit einigen Zirkusleuten, die ihn schon bald beim Zirkus “Benzini” – welcher die spektakulärste Show der Welt verspricht – als Arbeiter einschleusen. Zu seinem großen Glück fehlt dem Zirkusdirektor noch ein Veterinär. Jacob hat sein Studium zwar nicht beendet, doch ein halber Tierarzt ist besser als gar kein Tierarzt…

Meine Meinung

Das Buch beginnt zunächst unerwartet, denn der Leser bekommt es nicht mit einem jungen Mann zu tun, der über Umwege zum Zirkus gelangt ist und jetzt sein Leben in die Hand nimmt, sondern mit einem alten Herren, der seinen Mitbewohnern im Altenheim ab und an den letzten Nerv raubt, eine Vorliebe für eine seiner Betreuerinnen hegt und sich immer wieder darüber aufregt, wenn eine gewisse Person in seinem Umfeld behauptet, sie habe Wasser für die Elefanten beim Zirkus getragen.
Man lernt Jacob Jankowski als alten, schrulligen Opa kennen – und lieben. Sara Gruen gelingt es, diese Figur so echt und liebenswert wirken zu lassen, wegen ihrer kleinen Ecken und Kanten, dass die Lektüre ein wahrer Genuss ist! Senioren kommen in Büchern  ohnehin viel zu selten zu Wort. Und noch dazu so gewitzte alte Knaben. Die Darstellung des jungen Jacob kann da leider nicht mithalten – Jacob entwickelt sich zu wenig.
In einer Art Rückblende erfährt man von Jacobs Erinnerungen – oder auch, wenn er von seiner Zeit beim Zirkus erzählt.
Im Amerika der 1930er Jahre ist die große Depression noch spürbar und sie macht
selbstverständlich auch nicht vor der Unterhaltungsbranche halt: Nicht nur mit den Tieren wird skrupellos verfahren, auch die Menschen zählen nur etwas, so lange man ihre Leichen noch fleddern kann.
Eine der schillerndsten Figuren in dieser Melange ist mit Sicherheit August, der Stallmeister und Tierdompteur. Auf der einen Seite so weich wie ein Stück heißes Wachs – auf der anderen eine unberechenbare Bestie, deren Zerstörungswut sich gegen Tiere und Menschen richtet… Tierliebhaber dürften ihre Mühe mit dieser kompromisslosen Figur haben und mit der Art und Weise, wie er die ihm anvertrauten Tiere behandelt. August ist undurchschaubar und gerade deswegen so interessant.
Interessant ist auch Marlena, die ihren Mann August auf eine naive Art und Weise anhimmelt und sich dann letztendlich doch so konsequent gegen ihn stellt.
Obwohl Marlena, Jacob und August im Mittelpunkt des Geschehens stehen, bietet Sara Gruen durchaus facettenreiche Nebenfiguren auf (allen voran Kinko) und webt diese geschickt in die Haupthandlung ein. So auch Rosie, die sympathische Elefantendame, die ein eigenes kleines “Geheimnis” hat und die man einfach von ihrem ersten Auftritt an ins Herz schließen muss.
Wasser für die Elefanten ist atmosphärisch: Mittendrin statt nur dabei – so wirkt die
Szenerie, welche die Autorin erschafft. Sie schildert das Zirkusleben detailreich und in vielen Facetten, welche zum Teil humorvoll, zum Teil tragisch oder brutal sind. Sara Gruen beschönigt nicht den grausamen Umgang mit den Tieren und auch nicht das abscheuliche Verhalten Personen gegenüber, die auf ihre Rechte pochen, obwohl sie in der “Rangordnung” des Zirkus’ ganz unten rangieren. Es geht hier nicht um glanzvolle Vorstellungen und hübsche Tierdressuren, die einem als Kind vielleicht viel Freude bereitet haben, sondern darum, mit welch’ harten Fesseln um die wirtschaftliche Existenz gekämpft wird und wie korrupt und skrupellos sich (fast) jeder selbst der nächste ist.
Der große Knackpunkt ist für mich die Handlung: Mir hätte das Buch deutlich besser gefallen, wenn es anders geendet hätte (in Bezug auf Marlena und Jacob) und auch, wenn Rosie etwas mehr im Mittelpunkt gestanden hätte. Schließlich heißt das Buch Wasser für die Elefanten – etwas mehr von der lieben dickhäutigen Elefantendame zu lesen wäre schön gewesen. In großen Teilen war das Buch leider auch vorhersehbar, auch, wenn durch August immer wieder ein unberechenbares Element eingeflochten wurde. Die Liebesgeschichte hat mir gefallen – allerdings hätte ich diesbezüglich auch gerne noch mehr über August erfahren… Der Film (von dem ich bisher nur den Trailer gesehen habe) hat übrigens mehr Liebesgeschichte versprochen, als meinem Empfinden nach im Buch wirklich zur Sprache kam. Ich empfand dies als weniger schlimm, weil ich das Buch von Anfang an nicht als “Liebesroman” begriffen habe. Romantik-Fanatiker werden mit Wasser für die Elefanten aber wohl eher nicht auf ihre Kosten kommen.
Das Buch zieht sich stellenweise, weil die Autorin mehr auf Atmosphäre und Momentaufnehmen setzt, als auf eine spannende Entwicklung der Geschichte – der Handlungsstrang fällt einfach zu dünn aus.

Fazit

Insgesamt habe ich Wasser für die Elefanten als faszinierendes Buch empfunden, das vor allen Dingen durch die (ungewohnte) Zirkusatmosphäre überzeugt. Jacob ist insbesondere als alter Herr eine sehr interessante Figur. Die Handlung ist mir persönlich zu oberflächlich und vorhersehbar.
Wasser für die Elefanten hatte durchaus Schwächen, dennoch habe ich die Lektüre genossen.


Ian McEwan: Abbitte

Autor: McEWAN, Ian // Titel: Abbitte // Originaltitel: Atonement // Verlag: Diogenes  // Erschienen: April 2004 (18. Auflage) // ISBN-103257233809 // ISBN-13: 978-3257233803 // Seiten: 544 Seiten // Ausgabe: Taschenbuch // Preis: 12,90 € / 23,90 CHF // Genre: Drama,  historischer Roman

Es ist ein heißer Tag in diesem Sommer des Jahres 1935, an dem sich das Leben dreier Menschen für immer verändern wird; zerstört wird von einer Lüge…
Briony Tallis, das verhätschelte Nesthäkchen der Familie, das langsam in die Pubertät kommt und sich selbst für eine große Schriftstellerin hält, hat eine blühende Phantasie – und große Pläne. Diese werden jedoch von ihren Verwandten aus dem Norden durchkreuzt, die sich ihren Anweisungen keineswegs beugen wollen. Wütend, enttäuscht und frustriert versinkt sie in ihrer eigenen Welt und erkennt eine Bedrohung für ihre ältere Schwester Cecilia, wo keine ist. Unfähig, sich ihre Zweifel einzugestehen und ihre Aussagen zu revidieren, zerstört sie das Glück zweier Menschen, die sie liebt.

Meine Meinung

Abbitte ist ein ungewöhnliches Buch. Lächelt man als Leser anfangs noch über “die Heimsuchungen Arabellas”, die junge Schriftstellerin, die armen Zwillinge und die aufgeweckte Lola, die sich ihrer Weiblichkeit langsam bewusst wird, kaut man schon wenig später Fingernägel und wird allmählich nervös: Denn das Unheil frisst sich regelrecht in die kleine Idylle, die zunächst von kleinen, alltäglichen Problemen beherrscht wird. Schon bald verspürt man eine unangenehme Vorahnung – das Ausmaß der Katastrophe, die über Briony, ihre Schwester Cecilia und Robbie hereinbricht, offenbart sich jedoch nur quälend langsam; und nur so entfaltet sich vor den Augen des Lesers das Drama in all seinen Facetten.
Die Hauptfiguren, insbesondere Briony und Robbie, sind herausragend. Sehr detailliert schildert Ian McEwan die Gefühlswelt seiner Protagonisten. Dem ein oder anderen mag dies überflüssig oder gar langweilig erscheinen – meiner Meinung nach ist diese “Gefühlsstudie” spannend und trägt nicht unerheblich dazu bei, die Problematik des Buches noch zu verschärfen. Sehr berührend ist Briony, weil sie ihr Leben lang versucht, sich von ihrer Schuld zu befreien und letztendlich doch scheitert. Daran kann auch ihr Einsatz als Krankenschwester nichts ändern. Und auch ihre schriftstellerische Tätigkeit kann das, was passiert ist, nicht ungeschehen machen.
Was Robbie widerfährt ist einfach zutiefst tragisch und sein Umgang mit den Erlebnissen umso bewundernswerter: Es ist seine unerschütterliche Liebe zu Cecilia, die ihn so lange am Leben hält.
Überschattet wird das Drama zwischen den drei Figuren – im Übrigen zerbricht die gesamte Familie Tallis nach dem “Vorfall” – vom Zweiten Weltkrieg und dem Grauen, dem die Zivilisten ebenso ausgesetzt sind, wie die Soldaten. Hilflosigkeit angesichts einer Katastrophe ist ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht: Briony ist hilflos angesichts ihrer eigenen Schwäche und Schuld, Cecilia hilflos angesichts des Unrechts, welches Robbie angetan wird und Robbie hilflos angesichts des Krieges, der so viel Leid und Tod mit sich bringt. Den Eltern Tallis gelingt es nicht, sich aus ihren Denkmustern zu lösen und die Wahrheit zu akzeptieren – lieber verschließen sie die Augen. Lola gibt sich in ihrer Hilflosigkeit ausgerechnet dem Mann hin, der sie gebrochen hat. Auch der Leser bleibt hilflos zurück – denn “Abbitte” wartet nicht mit einem Ende auf, in dem sich alles zum Guten wendet. Bedrückend und beklemmend sind die letzten Seiten – und Abbitte ist ein Roman, den man, wenn man ihn denn gelesen und sich auf die ungewöhnlich tiefgängige Beschreibung der Gefühlswelten eingelassen hat, so schnell nicht vergessen wird.
Ian McEwan schreibt gewohnt wortgewaltig – sprachlich ist Abbitte ein Genuss.
In vielen Kritiken habe ich gelesen, die der Roman sei eine Qual wegen unnötiger Längen oder einfach zu langweilig. Dies kann ich von meiner Seite aus nicht bestätigen – freilich darf man von einem solchen Roman nicht den Spannungsbogen eines Psychothrillers erwarten oder eine leichte Lektüre, die einfach nur gut unterhält.

Fazit

Für mich ist “Abbitte” das bisher beste Buch, das ich von Ian McEwan gelesen habe (und seine anderen Bücher mag ich eigentlich auch recht gerne). Noch immer denke ich darüber nach, noch immer habe ich das Bedürfnis, mich mit Freunden darüber auszutauschen und ich denke nicht, dass dies so schnell nachlassen wird. Dafür hat mich “Abbitte” viel zu sehr berührt. Ich halte das Buch für ein Meisterwerk.

(Und nun würde ich mich so gerne bei meiner alten Deutschlehrerin, Frau W., bedanken, weil sie mich auf Ian McEwan gestoßen hat!)…

Es ist mir wirklich schwer gefallen, das Buch zu rezensieren, weil es mir so sehr unter die Haut gegangen ist. Verweisen möchte ich auf diese Rezension (FAZ), die meiner Meinung nach sehr gelungen ist.

Tabitha Suzuma – forbidden

Autor: SUZUMA, Tabitha// Titel: forbidden // Originaltitel: forbidden // Verlag: Oetinger Verlag // Erschienen: August 2011 // ISBN-10: 3789147443 // ISBN-13: 978-3789147449 // Seiten: 448 Seiten // Ausgabe: gebundene Ausgabe// Preis: 17,95 € / 28,90 CHF // Genre: Jugendbuch, Young Adult, (Familien-)Drama

Maya und Lochan sind beste Freunde. Sie teilen einfach alles miteinander – und zusammen überwinden sie die Hürden, die in ihrem noch jungen Leben auf sie warten. Sie sind ein starkes Team, sie geben sich gegenseitig Halt, weil sonst niemand da ist… Und es kommt, wie es kommen muss: Sie verlieben sich ineinander.

Die Sache hat nur einen Haken. Maya und Lochan sind Geschwister.

Meine Meinung

Es ist nun schon eine Woche her, dass ich forbidden gelesen habe und ich bin immernoch erschüttert. Ich bin nicht erschüttert angesichts der Tatsache, dass sich in diesem Buch Geschwister ineinander verlieben – sondern erschüttert angesichts der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, der sich insbesondere Lochan in diesem Buch immer wieder gegenüber sieht. Ich bin erschüttert, wenn ich daran denke, wie eine Schwester ihren Bruder verraten soll, um sich selbst zu schützen. Ich bin erschüttert über einen jüngeren Bruder, der einen schweren Fehler begeht und nicht mehr die Chance haben wird, ihn rückgängig zu machen. Ich bin erschüttert über Eltern, denen ihre Kinder völlig egal sind – solange sie unauffällig bleiben.

Tabitha Suzuma hat hier eine wirklich wunderschöne Liebesgeschichte geschrieben, die nur tragisch enden kann – und ein Familiendrama, das noch lange nachklingt. 

Die ganze Rahmenhandlung an sich bietet schon genug Stoff für ein Buch: Maya und Lochan müssen sich um ihre jüngeren Geschwister kümmern, weil ihre Mutter sich nicht um sie schert, ihren Kummer in Alkohol ertränkt und ihr Vater die Famillie vor langer Zeit verlassen hat. Aufgeben ist keine Option – denn die Geschwister haben nur noch sich selbst und sonst niemanden. Lochan und Maya müssen stets über sich selbst hinauswachsen und insbesondere Lochan hat so schon mehr als genug Probleme. Beide sind hoffnungelos überfordert, überlastet und einfach viel zu jung, um eine so große Verantwortung zu tragen.
Kit, der gerade mitten in der Pubertät steckt – und es auch nicht einfach hat! – macht den beiden zusätzliche Probleme. Maya und Lochan müssen sich gegenseitig Trost spenden, um nicht unterzugehen…

Das Buch liest sich gut, die Figuren sind sauber ausgearbeitet und obwohl man ja fast schon das tragische Ende ahnt, überrascht Tabitha Suzuma doch das ein oder andere Mal noch mit einer unerwarteten Wendung.

Ich habe geweint. Und ich werde das Buch mit Sicherheit noch einmal lesen.

Fazit

forbidden ist ein Buch, das tief unter die Haut geht. So tief, dass es auch nach der Lektüre noch beschäftigt…

Patrick Ness | Siobhan Dowd – Sieben Minuten nach Mitternacht

Autor: NESS, Patrick / SIOBHAN, Dowd // Titel: Sieben Minuten nach Mitternacht // Originaltitel: a monster calls // Verlag: cbj Verlag // Erschienen: 29. August 2011 // ISBN-10: 3570153746 // ISBN-13: 978-3570153741 // Seiten: 216 Seiten // Ausgabe: gebundene Ausgabe // Preis: 16,99 € // Genre: Kinder- und Jugendbuch, Drama, Philosophie

Conor ist gerade einmal dreizehn Jahre alt, als er begreifen muss, dass die vermeintlichen Dämonen, die ihn nachts nicht schlafen lassen, nur dann vergehen, wenn er sich seinen Ängsten stellt – und Conor hat eine verdammt große Angst. Sein Vater hat die Familie verlassen, um mit seiner neuen Frau in den USA glücklich  zu werden. Seine Großmutter kann Conor nicht leiden. Freunde hat er keine – nur Lily. Aber vor Lily zieht er sich zurück, weil sie ihn so tief verletzt hat, dass er ihr nicht verzeihen kann. Und dann ist da noch seine Mutter, die er liebt und die er einfach nicht gehen lassen kann, obwohl ihm keine andere Wahl bleibt.

Eine Geschichte, die das Leben schreibt.

Meine Meinung

Ich kann kaum in Worte fassen, was ich bei der Lektüre von “Sieben Minuten nach Mitternacht” gefühlt habe. Es hat mich zutiefst berührt und es ist lange her, dass ich bei der Lektüre eines Buches so viele Tränen vergossen habe. Selbst, wenn ich es wollte, könnte ich keine “sachliche” Rezension zu diesem Buch schreiben – ich will hier nicht über Figurenkonstellationen reden, nicht über Facettenvielfalt, Erzählperspektive oder Sprache. Nein, das würde diesem Buch nicht gerecht. Stattdessen möchte ich einfach nur meinen Eindruck loswerden – und ein paar von den Gedanken, die mich seitdem ich das Buch aus der Hand gelegt habe, bewegen.

Obwohl es sich um ein Kinder- und Jugendbuch handelt (Zielgruppe 12-15 Jahre), trifft die Handlung sicherlich auch bei vielen Erwachsenen einen schmerzenden Punkt: Wie nur gehen wir damit um, wenn wir wissen, dass wir einen geliebten Menschen verlieren werden? Und wie gehen wir damit um, dass wir uns wünschen, sein – und damit auch unser – Leiden möge endlich ein Ende haben? Zwei so widersprüchliche Gefühle und eine so große Angst.
“Sieben Minuten nach Mitternacht” zeigt einen Weg auf, wie man mit einem solchen Gefühl umgehen kann: Man ist kein schlechter Mensch, kein Monster, weil man denkt, dass der Tod eine Erlösung sein kann. Und man lässt einen geliebten Menschen nicht im Stich, wenn man sich mit dieser grauenhaften Frage, mit dem “Was ist, wenn…?” und mit dem “Wann?” und mit dem “Wird es überhaupt…?” auseinandersetzt.
Conor, dessen Mutter an Krebs erkrankt ist, muss diesen Umgang erst lernen. Ein schmerzvoller Prozess, der ihn viel Kraft kostet. Begleitet wird er dabei von einem “Monster”, das ihm Geschichten erzählt, um ihm zu zeigen, dass jedes Ding zwei Seiten hat und dass man nicht vor sich selbst weglaufen kann. Egal, wie viel man auf seinem Weg zerstört – Dinge, Menschen, Freundschaften – letztendlich wird man sich dem Unausweichlichen stellen müssen, denn all die Wut und Zerstörung ist letztlich nur ein Herauszögern und der Versuch einer Flucht.

Das Buch ist wundervoll illustriert (zumindest in der Jugendausgabe – ich weiß nicht, ob dies in der Ausgabe für Erwachsene auch der Fall ist). Jedes Bild drückt so unglaublich viel aus: dunkel, verstörend und tieftraurig wirken die Illustrationen und zuletzt schwingt ein wenig Hoffnung mit. Damit treffen die Bilder den Inhalt der geschriebenen Worte so perfekt, dass die Verbindung aus Bild und Wort wirklich richtig unter die Haut geht.

Unter die Haut geht auch die Entstehungsgeschichte des Buches. Von Siobhan Dowd stammten sowohl die Figuren, der Anfang und auch ein Exposé – doch sie sollte dieses Buch nie vollenden dürfen. Nach ihrem Tod hat sich Patrick Ness der Geschichte angenommen und “Unruhe gestiftet”, indem er sie niedergeschrieben hat.

Fazit

Ein wundervolles Buch über den Tod und das Leben – ein wundervolles Buch über Liebe, Angst und Selbstzweifel. “Sieben Minuten nach Mitternacht” stellt die Frage nach dem Umgang mit dem Unausweichlichen und hinterlässt neben einer gewissen Unruhe auch eine kleine Hoffnung – der versöhnliche Schluss, der all den vielen Eindrücken folgt, ist traurig und tröstlich zugleich.

Ich bin mit meinen Gedanken besonders bei zwei Menschen – bei Heike, die den Kampf gegen den Krebs in diesem Frühjahr verloren hat, nachdem sie zum Schluss so sehr leiden musste. Es tut weh, dass du gegangen bist – aber für dich war es eine Erlösung.
Und ganz besonders denke ich Alexander, der viel, viel zu früh von uns gehen musste. Ich kann dich bis heute nicht loslassen. Dein Bild steht noch immer auf meinem Schreibtisch und noch immer denke ich an dich – und das ist auch gut so.

Ilsa J. Bick – Ashes: Brennendes Herz (Ashes, Bd. 1)

Autor: BICK, Ilsa J. // Titel: Ashes – Brennendes Herz (Ashes, Bd. 1) // Originaltitel: Ashes // Verlag: Egmont INK // Erschienen: 4. August 2011 // ISBN-10: 386396005X // ISBN-13: 978-3863960056 // Seiten: 502 Seiten // Einband: gebundene Ausgabe // Preis: 19,99 € / 31,90 CHF // Genre: Jugendbuch, YA-Roman, Endzeitroman // gelesen vom 14.-16. August 2011

Inhalt

Stell’ dir vor, dass du zu einem Wanderurlaub aufbrichst, um mit dir selbst ins Reine zu kommen. Du hast dich perfekt vorbereitet und alles läuft nach Plan; bis du auf einen alten Mann und seine Enkelin triffst – und das Schicksal hart und erbarmungslos zuschlägt.
Innerhalb eines Herzschlags ist nichts mehr so, wie es sein sollte, denn eine Katastrophe hat die Welt, die du kanntest, in Schutt und Asche verwandelt… Nun ist sich jeder selbst der Nächste – oder etwa nicht?

Meine Meinung

Ashes erzählt von einer jungen Frau, die kurz davor steht, alles aufzugeben – Wozu leben, wenn man sterben muss? Weshalb eine Therapie machen, wenn doch keine Aussicht auf Besserung besteht? – und dann um ihr nacktes Überleben kämpfen muss. Denn nicht nur die Welt um sie herum verändert sich, sondern auch sie selbst…
Alex, die Protagonistin, ist schwer krank und hat einen schweren Schickalsschlag überwinden müssen. Sie unternimmt eine Wandertour, weil sie ganz für sich alleine eine Entscheidung treffen und vielleicht auch ihre Grenzen austesten möchte. Doch dann kommt alles anders als geplant, denn als sie die Katastrophe sich ereignet, ist sie plötzlich nicht nur für sich selbst, sondern auch für ein kleines Mädchen verantwortlich. Sie überwindet sich – und ihre Abneigung gegen die kleine Ellie – und nimmt das Ruder in die Hand. Auch, wenn sie an der ein oder anderen Stelle zu straucheln droht, ist Alex eine Kämpferin, die so schnell nicht aufgibt; eine starke Protagonistin, die mir sehr, sehr gut gefällt.
Ellie erscheint zunächst wie eine kleine, nervige Göre, doch der Schein trügt, denn hinter ihrer zickigen Fassade steckt ein verletzliches, ängstliches und liebes Mädchen, das schon in jungen Jahren schwer vom Schicksal gezeichnet ist. So kommt man als Leser nicht umhin, Anteil zu nehmen, wenn sie sich in Gefahr befindet.
Der junge Soldat Tom, dem sich Alex und Ellie anschließen, ist ein offener Mensch, der sehr intelligent ist und Entscheidungen trifft, auch wenn er sie lieber nicht treffen würde.  Er trifft seine Entscheidungen nicht leichtfertig, sondern erst, nachdem er die Möglichkeiten, die ihm bleiben, sorgsam durchdacht hat. Doch für Tom ist Vernunft nicht alles – denn ist eine Liebe unter solchen Umständen ‘vernünftig’? Kann Liebe überhaupt vernünftig sein?
Damit wären drei der wichtigsten Protagonisten in “Ashes” grob umrissen. Alle drei unterscheiden sie sich stark – im Bezug auf ihr Alter, im Bezug auf ihr Wesen – und doch haben sie alle etwas gemeinsam: Der Leser fühlt mit ihnen, was nicht zuletzt daran liegt, dass Ilsa J. Bick ihren Figuren eine gewisse Tiefe verliehen hat, ohne dabei zu viel über sie preiszugeben. So bleiben sie interessant und man möchte erfahren, wie es mit ihnen weitergeht – oder auch was ihnen zugestoßen ist, bevor sie aufeinandertrafen.
Ich muss ehrlich gestehen, dass Ellie mich anfangs wirklich Nerven gekostet hat. Auch in Anbetracht der Vorgeschichte finde ich nicht, dass sie sich anfangs wie eine Achtjährige verhält, sondern mehr wie ein trotziger Teenager wirkt. Dieser Eindruck hat sich jedoch genauso schnell verändert, wie sich Ellie selbst verändert hat – und nun sitze ich hier und frage mich, was die Autorin in Bezug auf das kleine Mädchen noch für ihre Leser bereithalten mag.
Es tauchen einige Figuren auf in “Ashes” – manche von ihnen sind bösartig oder erschreckend, andere verzweifelt und es gibt auch solche, die eine Rolle spielen, die man ihnen nicht zutraut.
Nicht zugetraut habe ich diesem Buch, das für die Altersgruppe 14-17 empfohlen wird, dass es mit einer solchen Brutalität zur Sache geht. Für mich ist das wirklich kein Problem – ich habe die Lektüre offengestanden sogar sehr genossen, weil ich immer wieder Stellen entdeckte, die mich extrem an Horrorfilmszenen erinnerten, die ich mochte. Natürlich waren die Beschreibungen nicht so plastisch, aber von der Grundstimmung her und einigen Ideen konnte ich schon einen Bezug zum ein oder anderen Horrorfilm herstellen. So etwas muss man mögen – wenn man also einen empfindlichen Magen hat, ist das Buch stellenweise sicher nicht geeignet. Mich hat diese Erinnerung an mir bekannte Filme sehr überrascht, weil ich damit wirklich nicht gerechnet habe. Die Bedrohung wurde durch diese “grausamen” Elemente wirklich spürbar und ab und an schlug mir das Herz bis zum Hals. Trotzdem hätte es von mir aus gerne noch etwas mehr “Horror” sein dürfen (z.B. in der Rangerhütte…) – wobei das Szenario an sich ja eigentlich schon “Horror” genug ist. Endzeit – dieses Wort trifft den Kern der Sache wohl recht gut. Der Leser wird hier nicht mit Samthandschuhen angefasst, sondern damit konfrontiert, wie Menschen sich verhalten (können), wenn eine solche Krisensituation eintritt und das hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Einen bitteren Nachgeschmack deshalb, weil ein solches Verhalten – Mord, Raub, Gewalt, Plünderung – nicht als an den Haaren herbeigezogen erscheint, sondern als eine durchaus reale Bedrohung, die so jederzeit eintreten könnte; Das Prinzip “nichts hören – nichts sehen” funktioniert in solchen Zeiten nicht.
Insgesamt ist die Handlung nervenaufreibend und überwiegend spannend. Dadurch, dass die Protagonisten nicht immer absolut “logisch” handeln (was in Anbetracht der Umstände ja auch irgendwie verständlich ist – unklar bleibt mir z.B., warum das Trio die Rangerhütte zu einem so ungünstigen Zeitpunkt verlassen hat), bleibt die Geschichte, sowohl von Seiten der Figuren als auch durch das ganze Szenario bedingt, zu einem guten Teil unvorhersehbar. Die Autorin hat geschickterweise in viele Kapitel kleine Cliffhanger eingearbeitet – wenn man das Buch nachts im Bett liest, kann man also hart auf die Probe gestellt werden: Schlafen oder dem Drang nachgeben, doch nur noch ein Kapitelchen zu lesen? Ich musste mich jedenfalls wirklich zwingen, das Buch nicht in ein paar Stunden durchzulesen. In der Mitte hat die Spannung etwas nachgelassen; ein Umstand, der durch die nachfolgendenen Ereignisse aber fast wieder wett gemacht wurde. Die Ereignisse in Rule gehen nur schleppend voran und entsprachen leider ziemlich genau dem, was ich bereits vermutet hatte – was dann folgte, hat mich jedoch wieder sehr überrascht.
Der Schluss wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet und so blicke ich aufgeregt wartend der Fortsetzung von  “Ashes” entgegen und hoffe, dass ich die Wartezeit mit ebenso spannenden Büchern gut überbrücken kann.

Fazit

Ashes ist tempo- und actionreich, atemberaubend spannend und keine leichte Lektüre. Der Nervenkitzel ist garantiert und trotz ein paar kleinen Schwächen hat mich Ashes absolut überzeugt. Wer sich allerdings darauf verlässt, hier eine weit ausschweifende Liebesgeschichte vorzufinden, wie der Klappentext vermuten lässt, wird hier wohl nicht ganz auf seine Kosten kommen.