Antonia Michaelis erzählt in “Der Märchenerzähler” die Geschichte dreier Menschen: Anna, ein junges Mädchen aus wohlbehüteten Verhältnissen, Abel, einem Drogendealer und Sonderling und Micha, Abels kleiner Schwester.
Seitdem Michas und Abels Mutter verschwunden ist, sind die beiden auf sich allein gestellt und nur mit großer Hartnäckigkeit gelingt es Anna, zu Abel vorzudringen. Der erzählt der kleinen Micha und Anna Märchen, in denen Anna immer wieder die Realität zu erkennen glaubt. Täuscht sie sich? Oder steckt hinter Abels Märchen eine grausame Wahrheit, die sie nicht sehen will? …
Meine Meinung
Ich kann meine Meinung zu diesem Buch nicht ausdrücken, ohne hier und da wesentliche inhaltliche Elemente preiszugeben. Wer die Rezension dennoch gesamt lesen möchte, muss des nachfolgenden Textes mit der Maus markieren, damit er komplett sichtbar wird.
Was habe ich eigentlich erwartet? Ich habe erwartet, dass “Der Märchenerzähler” kein einfaches Buch ist. “Die Worte der weißen Königin” spukt mir heute noch ab und an im Kopf herum. Ich hatte Recht mit dieser Erwartung: “Der Märchenerzähler” ist ein sehr, sehr schwieriges Buch. Antonia Michaelis erzählt von Liebe, grenzenloser, vielleicht sogar psychopathischer Liebe – von Liebe zwischen zwei Teenagern, von Liebe zwischen einem großen Bruder und seiner kleiner Schwester… Sie erzählt von einer Freundschaft, die auch dann noch Bestand hat, als es kriselt. Sie erzählt von unerfüllten Hoffnungen, von furchtbaren Enttäuschungen, von Existenzängsten. Sie erzählt von vielen schlimmen Dingen; Sie erzählt von Kindesmissbrauch, von Vergewaltigung, von Prostitution, von Prügeleien, von Drogen, von Mord. Sie erzählt von endloser Verzweiflung, vom Scheitern am eigenen Leben, von tiefen, tiefen Abgründen.
Anna ist fernab dieser dunklen Seiten der menschlichen Existenz aufgewachsen, als wohlbehütetes Einzelkind einer Unidozentin und eines Arztes. Zum Entsetzen ihrer besten Freundin Gitta verliebt sie sich ausgerechnet in Abel, den “polnischen Kurzwarenhändler”, der an der Schule Drogen vertickt und sein Abi ohne Zweifel in den Sand setzen wird, weil er so oft die Schule schwänzt. In Abel, der “White Noise” hört, der sich unnahbar gibt, der ihr mehr als einmal unsanft zu verstehen gibt, dass sie sich nicht in seine Belange einmischen soll – und in Abel, der eine ganz, ganz andere Seite hat, wenn er mit seiner kleinen Schwester Micha zusammen ist. Die gemeinsame Mutter ist verschwunden und Abel lebt mit ihr alleine, krampfhaft darum bemüht, dass alles seinen normalen Gang geht – auch ohne Mutter.
Er sorgt für Micha wie ein Vater und seine größte Angst ist es, dass das Jugendamt ihm Micha wegnehmen könnte, weil er noch nicht volljährig und somit laut Gesetz gar nicht dazu in der Lage ist, die alleinige Verantwortung für seine kleine Schwester zu übernehmen. So versucht er, möglichst jeden von der kleinen Wohnung in der Plattenbausiedlung fernzuhalten – Anna inbegriffen. Doch Anna lässt sich nicht so leicht abwimmeln und schon bald dringt sie bis zu Abel vor und nimmt Teil an seinem Leben mit Micha – und an Abels Märchen über die kleine Klippenprinzessin.
Schon bald erkennt Anna hinter seinen Schilderungen ein Muster; die Märchenfiguren entsprechen Menschen, die sie kennt und die Handlung ist eng mit der Realität verbunden. Als Personen ermordet werden, mit denen Abel in einer schwierigen Beziehung steht, vermutet sie, dass er dahinter stecken könnte – doch ihm gelingt es zunächst, ihr diesen Gedanken auszureden.
Anna geht völlig auf in ihrer Verliebtheit und in ihrer (Für-Sorge) um Abel und Micha, bis sich die Puzzleteile Stück für Stück zusammenfügen und sie an den Geschehnissen schließlich zerbricht.
Anna ist eine starke, eine sehr starke Figur. Sie lässt sich nicht von Abels Wutausbrüchen erschüttern, sie versucht hartnäckig, an ihn heranzukommen, sie liebt ihn so sehr, dass sie ihm sogar das Unverzeihliche verzeiht: Sie verzeiht ihm, dass er sie vergewaltigt – und sie verzeiht ihm die Morde, die er begangen hat. Dass sie ihm die Vergewaltigung so schnell verzeiht, hat bei mir ein ungutes Gefühl zurückgelassen – doch es ist, wie es ist: Jedes Opfer muss für sich entscheiden, wie es mit den Erlebnissen umgeht und Antonia Michaelis hat entschieden, Anna nicht an diesem “Vorfall” zerbrechen zu lassen und nach einer kurzen Bedenkzeit trotzdem zu Abel zu stehen.
Abel ist nicht (mehr) so stark wie Anna; er ist vor allen Dingen verzweifelt, was angesichts seiner Geschichte auch nicht verwundert. Immer verantwortlich für die kleine Schwester, von der stets zugedröhnten Mutter alleine gelassen (auch im endgültigen Sinne…), vom Stiefvater missbraucht, abgerutscht in die Prostitution versucht er, mit sich und seinem Leben zurecht zu kommen. Micha braucht ihn – doch er braucht auch Micha, um nicht völlig abzurutschen. Aus der schier übermenschlichen Angst heraus, dass jemand Micha etwas antun, oder sie ihm wegnehmen könnte, mordet er schließlich… Als die Polizei ihn verhaften möchte, ist er es schließlich, der ein Urteil fällt: Er erschießt sich und richtet damit über sich selbst, über die Dinge, die er getan hat.
Doch es gibt nicht nur Anna, Micha und Abel in “Der Märchenerzähler”: Da ist auch noch Gitta, die zu Anna hält und für Anna da ist, obwohl sich die Freundinnen entfremdet zu haben scheinen; da ist Bertil, der immer und immer wieder zurückstecken muss, und Anna trotzdem nicht im Stich lässt. Da ist der Deutschlehrer, der aus Menschlichkeit immer wieder ein Auge zudrückt. Da sind Annas Eltern, die helfen wollen, aber nicht wissen wie…
Wer zwischen den Zeilen zu lesen vermag, entschlüsselt schnell, was im “Märchenerzähler” eigentlich geschieht – dennoch bleibt bis zum Schluss die Hoffnung, dass sich die Dinge auf andere Art und Weise ereignet haben.
Gewohnt wortgewaltig und mitreißend schildert Antonia Michaelis die Geschichte von Anna, Abel und Micha und lässt den Leser schließlich mit einem mulmigen Gefühl im Bauch zurück.
Fazit
“Der Märchenerzähler” ist erschütternd, traurig und wie erwartet ein Buch, das viel zum Nachdenken anregt. Antonia Michaelis gibt als Altersempfehlung 16 Jahre an, und ich denke, das ist auch angemessen. Ich möchte an dieser Stelle darauf verzichten, eine Wertung in Form von Sternen abzugeben.
Autor: Antonia Michaelis | Titel: Der Märchenerzähler | Originaltitel: – | Verlag: Oetinger-Verlag | Erscheinungsdatum: Februar 2011 | ISBN-10: 3789142891 | ISBN-13: 978-3789142895 | Seitenzahl: 446 | Ausgabe: gebundene Ausgabe | Preis: 16,95 € bzw. 25,90 CHF | Genre: Jugendbuch, Junge Erwachsene, Drama, Krimi